Jonas mit dem Grübchen

 

 

 

 

 

 

Jonas zieht um

 

 

 

 

Der Tag des Abschieds war da. Für Jonas war es ein trauriger Tag. Für seinen Papa hingegen ein sehr schöner. Ein Jahr war er ohne Arbeit gewesen.

Manchmal, wenn Jonas vom Spielen nach Hause kam, sah er seinen Papa mit einem Brief in der Hand am Küchentisch sitzen. Dann geschah fast immer das gleiche. Papa schloss die Augen, legte den Brief auf den Tisch, murmelte etwas und sah in der nächsten Minute schon viel zuversichtlicher aus. Jonas Papa war erst ein Jahr arbeitslos. Der Vater von Arne, Jonas bestem Freund war schon seit Jahren auf der Suche nach Arbeit, wie Arne ihm erzählte. An manchen Tagen liefe sein Vater sehr mürrisch im Haus umher und habe an allem und jedem etwas auszusetzen. „In letzter Zeit trinkt er bereits schon nach dem Mittagessen sein erstes Bier und es ist dann nicht das Letzte“, hatte Arne traurig berichtet. Da war Jonas froh, dass sein Papa die Sache anders anfasste und nicht aufgab. Eines Abends als sein Papa ihn zu Bett brachte, hatte Jonas ihn gefragt, was er immer nach dem Lesen der Briefe vor sich hin sprach. „In den Briefen lehnen die Firmen meine Bewerbung ab  und ich gebe meine Enttäuschung in Jesus Hände ab. Er hilft mir bei der Suche, also brauche ich mich nicht zu sorgen. Alles wird gut werden. Jesus sagt: Schaut euch die Vögel an. Sie brauchen nicht zu säen oder zu ernten oder Vorratsräume anlegen, denn Gott ernährt sie. Ihr seid ihm viel wichtiger als irgendwelche Vögel. Können eure Sorgen euer Leben nur einen Tag verlängern? Natürlich nicht! Deshalb, mein Jonas, glaube ich bald einen neuen, von Gott für mich ausgesuchten Arbeitsplatz zu haben!“

So war es auch gekommen. Da Papa bereit war mit seiner Familie an einen anderen Wohnort zu ziehen, bot ihm eine Firma einen neuen Arbeitsplatz in der Nähe des Dorfes an, in dem die Großeltern von Jonas wohnten. Während der letzten Woche vor den Sommerferien hatte Jonas sich nicht nur von seinen Schulfreunden verabschiedet, sondern auch von allen Lieblingsplätzen, Lieblingsverstecken und Lieblingskletterbäumen, die er in seinem bisher siebenjährigen Leben kennen gelernt hatte. Jonas war ein aufgeweckter Junge mit schwarzen Haaren (von Papa geerbt) und Locken (von Mama geerbt), der in der rechten Wange ein „herzallerliebstes Grübchen“ hatte, wie Mama sagte. „Grübchen küssen bringt Glück“, sagte Oma einmal bei einer Familienfeier. Nur durch schnelles Weglaufen konnte sich Jonas vor der Meute der Tanten und Cousinen retten, die ihn danach auf die Wange küssen wollten. Jonas war noch ein Kind der aussterbenden Sorte, welches mehr Zeit draußen als vor dem Computer oder Fernseher verbrachte und für sein Leben gern las. Nach den Sommerferien, die Jonas Familie zum Umzug nutzte, sollte Jonas im neuen Wohnort in die zweite Klasse  kommen. „Du wirst dort schnell neue Freunde finden“, hatte seine Mutter ihn getröstet, „Kinder mit soviel Fantasie wie du sind begehrte Spielkameraden.“ Etwas wehmütig schaute Jonas aus dem Seitenfenster des Autos auf seine alte Heimat. Papa tröstete ihn: „Schau nicht so traurig Jonas, nichts im Leben ist für immer“, während Mama in Gedanken versunken noch einmal kontrollierte, ob sie nicht etwas vergessen hatten. Jonas Schwester Samantha genannt „Sam“ schaute ebenfalls nachdenklich aus dem Seitenfenster des Autos. Sie war 15 Jahre alt und fand es einfach nur cool aus dem kleinen „Kuhkaff“, wie sie es nannte, herauszukommen. Dass der neue Wohnort  auch nicht viel größer war, redete sie sich mit den Worten „es kommt nicht auf die Quantität sondern auf die Qualität an“, schön.

Jonas hatte seine in letzter Zeit angeberisch mit Fremdwörtern herumwerfende Schwester gefragt, was das heiße. „Das heißt, das dort vielleicht die geileren Typen wohnen“, hatte sie geantwortet und umgehend einen bitterbösen Blick von Papa geerntet, da das Wort „geil“ einen Spitzenplatz in  Papa’s Wortschatzverbotsliste einnahm. Jonas zählte erst die roten Autos auf der Autobahn, dann die Grünen, aber bald wurde ihm das zu langweilig und Samantha riet ihm boshaft, gestreifte oder karierte Autos zu zählen, da er doch nur bis 100 zählen könne und jene Autos seien halt seltener. Jonas streckte ihr die Zunge raus und schwieg, bis sie die Autobahn verließen. Kurz vor ihrem neuen Wohnort, 350 Kilometer entfernt vom ehemaligen, fiel ihm glühend heiß ein, dass er etwas Wertvolles vergessen hatte. Hinter dem Kriegerdenkmal seines alten Wohnortes, in einer Seifenschachtel, deren Verbleib Mama sich bis heute noch nicht erklären konnte, lagen vergraben alle Schätze,  die er in den Jahren, seit er Laufen konnte, gesammelt hatte. Ein Glitzerstein mit Katzengold, ein vertrockneter Maikäfer, eine himmelblaue Murmel, mit der er in seiner Fantasie die Zeit anhalten konnte, ein Hornknopf und noch viele andere für Erwachsene uninteressante Dinge, die aber für ihn mehr Wert besaßen als Gold und Edelsteine. Der Verlust dieser Schätze machte ihn für eine kurze Zeit recht traurig, doch Jonas versuchte auch aus dem Schlechten immer etwas Gutes zu machen. „Man muss jedes Ding von zwei Seiten betrachten“, sagte Papa immer, „dann hat auch das Schlechte manchmal einen Sinn.“ Genau diesen Rat befolgte Jonas nun. Und siehe da, Papa hatte Recht. Er stellte sich in Gedanken vor: Irgendwann wenn er selbst schon Vater war und mit seinen Kindern die Orte besuchte, an denen er aufwuchs, würden sie staunen, wenn er die kleine Seifenschachtel hinter dem Kriegerdenkmal mit den Schätzen ausgrub.

Oder ein sehr trauriges Kind, dass zu Hause gehörig Ärger bekommen hatte, versteckte sich hinter dem Denkmal und fuhr weinend mit den Fingern durch den Sand, stieß plötzlich an etwas Hartes, entdeckte die Seifenschale und wurde dadurch getröstet. Da fühlte sich Jonas gleich wieder viel besser, denn geteiltes Glück ist doppeltes Glück, sagte Papa. Stimmt, dachte Jonas. Das Haus, welches seine Eltern angemietet hatten, war wunderschön und lag am Ende einer Sackgasse in einem Wenderondell. Bäume, Wiesen und Ackerland begrenzten das Grundstück. Das lud förmlich dazu ein, zu forschen, zu klettern und nach Herzenslust draußen zu spielen. Das Allerschönste aber war, dass der Papa von Papa, also Jonas geliebter Märchenopa, im nahen Nachbarort wohnte und Jonas ihn und die Oma jetzt viel öfter sehen konnte. Jonas durfte höchstens eine Stunde in der Woche an den Computer oder auf die Kinderseiten im Internet und wenn, dann zusammen mit Papa. Papa sagte immer: „Spiel lieber draußen, denn Computer und das Internet machen kleine Kinder fett, altes deutsches Sprichwort!“ Das mit dem Sprichwort glaubte Jonas nicht, doch draußen spielen war sein größtes Vergnügen. Da sie in den  Sommerferien umgezogen waren grünte und blühte alles in herrlichsten Farben und die Natur hielt unzählig viele Dinge für ein neugieriges Kind wie Jonas bereit. Wie Jonas Mama schon sagte, Kinder mit Fantasie ziehen sich gegenseitig wie Magneten an und sind gefragte Spielkameraden. So dauerte es nicht lange bis er seinen ersten Freund kennen lernte.  Tim aus dem Nachbarhaus, sieben Jahre alt, etwas kleiner, blond, sommersprossig und genauso neugierig wie Jonas. So begann Jonas erster Sommer in der neuen Umgebung. Was Jonas in den sechs Wochen der Sommerferien  am neuen Wohnort erlebte, will ich euch nun erzählen.

 

 

 

Jonas findet einen Freund

 

 

 

Da das neu erbaute Doppelhaus, welches seine Eltern gemietet hatten, noch nicht ganz fertig war und noch einige Baugeräte und Materialien  herum standen, nutzte Jonas die Sachen, bei denen die Erwachsenen nicht gleich „lasst die Finger davon, das ist zu gefährlich“, riefen, zum Spielen. Mit einer blauen, leeren Tonne, welche die Maurer ab und an noch mit Wasser  für Mörtel füllten, die aber derzeit leer war, spielte er eines Nachmittags ein selbst ausgedachtes Abenteuer, als ein kleiner, blonder Junge sich neugierig näherte und Jonas fragte, ob er mitspielen dürfe. „Na klar“, lautete Jonas kurze Antwort, denn echte Astronauten brauchen nicht viele Worte, um sich zu verstehen.  Die Tonne war ein Raumschiff. Es hieß Tonnepolle 1. Schon Lichtjahre waren die beiden mutigen Astronauten Jona Jonasson und Timmi Timmini auf dem Weg zum unerforschten Planeten Plutusus mit der Tonnepolle 1 unterwegs. Immer wieder war ihr Raumschiff in schlimme Sonnenstürme oder andere gefährliche Situationen gekommen und wurde wild durchgeschüttelt, doch dann kam der Planet Plutusus in Sicht. Nach einer letzten Überprüfung der Landekapsel und einem ziemlich harten Aufschlag, betraten die beiden ersten Menschen den unerforschten Stern. Natürlich waren auch die Fernsehzuschauer auf der Erde mit dabei, als dieser denkwürdige Augenblick stattfand, stellten sich Jonas und Tim vor. Im  Augenblick der Landung flog der Postbote mit seinem gelben Postraumschiff haarscharf an Tonnepolle 1 vorbei. Jona Jonasson hatte Glück. Er trat auf harten Felsboden. Doch Timmi Timmini versank augenblicklich, wenn auch wie in Zeitlupe, im nur auf  Plutusus vorkommenden, sehr zähen grünen Öl.

Jona Jonasson blieb seelenruhig und warf den für solche Fälle mitgeführten Ölrettungsring aus, der dem Entenschwimmring eines siebenjährigen Jungen auf der Erde sehr ähnlich sah. Als es dämmerte hatten die beiden wagemutigen Astronauten sich gegenseitig viele Male aus dem grünen Öl gerettet, einige unglaublich fürchterliche Weltraummonster besiegt, viele Steine und Pflanzen eingesammelt und waren gerade dabei mit der Landekapsel nach Tonnepolle 1 zurückzukehren, als die Bodenstation rief: „ Jonas, komm endlich Abendessen.“ Das war natürlich ein Geheimwort dafür, zur Erde zurückzukehren. Es war wie im richtigen Leben, der Rückflug zur Erde kam den beiden wagemutigen Astronauten viel schneller vor als der Hinflug. So lernten sich die beiden beim ersten gemeinsamen Spielen kennen und wurden wirklich dicke Freunde. Abends im Bett dachte Jonas an diesen abenteuerlichen Tag zurück und glaubte nun zu wissen, was ein Freund für’s Leben ist, denn Papa sagte immer: Nur wer auch in brenzligen Situationen treu zu einem steht, ist ein Freund für´s  Leben“ und wieviel brenzliger konnte  etwas sein als das Erforschen des Weltraumes?

 

 

 

Jonas mit den Gummistiefeln

 

 

 

Eigentlich hätte Jonas sehr glücklich sein können, eigentlich. Doch eines fehlte ihm noch zu seinem Glück, jemand mit dem er Fußball spielen konnte. Fußball war seine große Leidenschaft und wenn Papa und er Samstags gemeinsam die Sportschau ansahen war das für ihn das Größte. Papa hatte sein altes Dortmund-Käppi auf und Jonas sein Schalke T-Shirt an. Mindestens zweimal im Jahr trafen diese Mannschaften sogar aufeinander.

Dann tippten Papa und er das Ergebnis und wer verlor, musste dem anderen einen Wunsch erfüllen. Papa nahm natürlich immer etwas, was auch Jonas gefiel, denn, wenn du dich freust ist das meine Freude, sagte er.  Da Papa in der Woche wenig Zeit hatte, wünschte  Jonas sich fast immer, mit ihm am Wochenende zum Sportplatz zu fahren um zwei Stunden miteinander zu bolzen. Mittlerweile war Jonas so gut, dass Papa ihm versprochen hatte, ihn so schnell wie möglich in  der F-Jugend des Dorfvereines anzumelden. „Ein echter Straßenfußballer ist der Junge“, sagte er zu Mama. Und selbst Mama, die  Fußball nicht gerade begeisterte, war so nett gewesen, ihm einen Ball aus Stoff zu nähen, mit dem er im Flur von einer Tür zur anderen den kompletten Bundesligaspieltag nachspielen konnte. Dabei kam Jonas immer gehörig aus der Puste, denn zwei Mannschaften zu spielen und gleichzeitig das komplette Spiel, wie im Fernsehen, zu kommentieren, das war nicht einfach. Leider spielte in seiner Straße kein Kind Fußball, nicht einmal sein bester Freund Tim. Dessen Vater hatte gesagt Fußball sei ein Proletensport. Beide wussten nicht so recht was das hieß, aber es schien eindeutig schlecht zu sein und Schlechtes musste man auch nicht noch näher erklärt bekommen. Die meisten anderen Kinder der Straße, die er bis jetzt kennen gelernt hatte, spielten Badminton oder Tennis oder schwammen, doch nicht ein Fußballer oder eine Fußballerin waren dabei, was wohl auch nicht oft  vorkam... Deshalb spielte Jonas meistens allein mit seinem neuen Ball, den er vor zwei  Jahren zu Weihnachten bekommen hatte. Fast eine halbe Stunde versuchte Jonas nun bereits den Ball aus kurzer Entfernung so oft wie möglich immer wieder an die Wand zu spielen, ohne dass er den Boden berührte. Kopf, Bumm, Knie, Bumm, Fuß, Bumm, einundvierzig Mal war sein Rekord, da öffnete sich plötzlich ein Fenster und Mama rief: “Jonas, ich werde noch wahnsinnig, das ewige Bumm, Bumm, Bumm dröhnt durchs ganze Haus, kannst du wohl auf den Bolzplatz gehen.“

Na gut, dachte Jonas, dann werde ich halt kein Bundesligastar und kaufe dir später keine neue Spülmaschine, denn „die Spülmaschine macht nicht mehr lange“, sagte Mama kürzlich und „im Moment fehlte uns das gerade noch.“ Er zog sich seine Gummistiefel an und machte sich auf den Weg zum Ententeich, der im Uferbereich sehr flach war, um kleine Wassertiere zu beobachten. „Ich bin ein wenig zum Ententeich“, rief Jonas seiner Mutter zu. Jonas hatte von seinen Eltern die Erlaubnis, sich im Dorf frei bewegen zu dürfen, doch musste er immer seinen genauen Aufenthaltsort oder sein Ziel angeben.  Auf dem Weg zum Teich kam er am Bolzplatz mitten im Dorf vorbei, auf dem neun Jungs in seinem Alter Fußball spielten. Jonas Herz fing aufgeregt an zu pochen. Vielleicht konnte er ja ein wenig mitkicken? Gerade wurden zwei neue Mannschaften gewählt. Jonas nahm sich allen Mut zusammen und fragte, ob er mitspielen dürfe. „Mit Gummistiefeln?“ fragte der größte der Jungen. Jonas nickte mit rotem Kopf. „Von mir aus“, sagte der Junge, „eine Mannschaft hat sowieso einen Spieler zu wenig.“ Dann begannen er und ein anderer im Wechsel Fuß vor Fuß zu setzen und aus einiger Entfernung aufeinander zuzugehen. „Tip, Top“, sagten sie im Wechselspiel. Derjenige, welcher als Letztes seinen ganzen Fuß zwischen die Lücke bekam, durfte wählen. Abwechselnd suchten sich die beiden Jungen nun die Mitspieler aus. Zuletzt war nur noch Jonas übrig. „Na gut“, sagte der vorlaute Typ“, dann muss ich dich wohl nehmen. Wie heißt du eigentlich?“ „Ich bin Jonas“, antwortete Jonas. „Okay, Jonas mit den Gummistiefeln, dann zeig mal was du kannst!“ Und dann gingen den Jungen die Augen über. Jonas dribbelte, trickste und schoss aus allen Rohren. Neun zu sieben gewann seine Mannschaft und Jonas hatte nicht nur drei  Tore geschossen sondern auch noch zwei tolle Vorlagen gegeben und das mit Gummistiefeln…Als die Familie beim Abendessen saß klingelte das Telefon und Papa führte ein langes Gespräch.

 „Das war ein Herr Wuttke, der Trainer der F-Jugend. Er hat gefragt, ob wir einen Jungen haben, der Jonas heißt und der schon mit Gummistiefeln ein sehr guter Fußballer sei, wie ihm sein Sohn erzählt habe, der am Nachmittag auf dem Bolzplatz war, und ob der eventuell Lust hätte in der F-Jugend mitzuspielen“, sagte Papa stolz. Natürlich wollte Jonas das, und als er abends im Bett lag hatte er ein so freudiges Kribbeln im Bauch, dass er die Kirchenglocke elf Mal läuten hörte, weil er vor Aufregung nicht einschlafen konnte.

 

 

 

 

 

Jonas und der galaktische Imperator

 

 

 

Nichts wünschte sich Jonas im Moment mehr, als die letzte Figur aus der Serie der „Acht Weltraumkämpfer“, den „galaktischen Imperator“.

Das erste Problem war, dass sich diese Figur in einem Überraschungsei befand. Das zweite Problem war, dass es eilte, denn diese Überraschungseier befanden sich unter einem Schild auf dem stand: Hol dir die Weltraumkämpfer!! Nur noch für kurze Zeit in jedem siebten Ei!!

Das dritte Problem war, das Jonas sieben Weltraumkämpfer besaß und ihm nur noch der „galaktische Imperator“ fehlte. Leider hatte ihm das erschütteln der ersten sieben Figuren sein gesamtes gespartes Taschengeld der letzten zehn Wochen gekostet, das war das vierte Problem. Das fünfte Problem war, dass sein bester Freund Tim bereits alle acht Figuren besaß und Jonas furchtbar neidisch war.

Trübsinnig saß Jonas im Wohnzimmer und starrte auf den dunklen Fernseher. Mama oder Papa anzubetteln war völlig sinnlos. Er hörte sie bereits sagen, dass er mit seinem Taschengeld halt besser hätte wirtschaften sollen. Jonas schielte wieder zum Fernseher und plötzlich erblickte er die Lösung aller seiner fünf Probleme, das „Ruanda-Schwein“.

Auf dem Fernseher stand ein Sparschwein, welches das ganze Jahr von sämtlichen Familienmitgliedern immer wieder einmal mit Kleingeld gefüttert wurde. Jedes Jahr zu Weihnachten unterstützten sie damit ein Projekt des Eine-Welt-Ladens für Ruanda.

Nun schaute ihn das Schwein an und schien zu sagen: Ich bin die Lösung von allen deinen  Problemen!

Jonas wollte sich das Geld ja nur ausleihen und Cent für Cent zurückbezahlen. Sein Wunsch den galaktischen Imperator zu besitzen  wurde langsam nicht mehr zum Aushalten.

Gerade als er seine Gedanken in die Tat umsetzen wollte, kam seine hellseherisch veranlagte Mama um die Ecke und fragte ihn warum er so trübsinnig in den dunklen Fernsehbildschirm starre. Ohne Antwort trottete Jonas davon. Doch der Gedanke an das „Ruanda-Schwein“ ließ ihn nicht mehr los.  Am Nachmittag bot sich dann endlich die Gelegenheit zur Tat. Papa war bei der Arbeit und Mama werkelte im Garten. Jonas ergriff das Sparschwein, öffnete den Gummistöpsel unter dem Bauch und schüttelte eine Handvoll Münzen auf das Sofa. Einen Moment hatte er das Gefühl als schaue ihn das Schweinchen vorwurfsvoll an und er murmelte: „Ist doch nur geliehen.“

Die Sehnsucht nach dem „galaktischen Imperator“ ließ ihn zudem jeden Skrupel überwinden. Schnell verstöpselte er das „Ruanda-Schwein“ wieder und achtet dabei darauf, einige Münzen im Schwein zu lassen, damit seine Tat nicht auffiel. Dann ergriff er das Klimpergeld vom Sofa und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden. In seinem Zimmer holte er es heraus und stellte fest, dass er 4 Euro und 23 Cent ergattert hatte. Das reichte für acht Überraschungseier. Jonas war ein pfiffiges Bürschchen und konnte bereits gut mit Geld umgehen.

„Ich bin zum Bolzplatz“, belog er seine Mutter im Vorbeigehen mit rotem Kopf  und machte sich auf den Weg zum Supermarkt.

Dort angekommen schüttelte er vorsichtig, mit spitzen Fingern unter den argwöhnischen Augen einer Verkäuferin alle Überraschungseier neben seinem rechten Ohr. Dann machte er sich mit acht Eiern auf den Weg zur Kasse. Dafür musste Jonas beide Hände benutzen. „Na, Kleiner, kaufst du für die ganze Familie ein?“ fragte die Verkäuferin. „Ja, ich habe halt soviel Geschwister“, log Jonas bereits das zweite mal an diesem Tag.

Dann ließ er sich eine Tüte geben und machte sich in der Hoffnung auf den Heimweg  nun endlich den „galaktischen Imperator“ sein eigen nennen zu können. Er rannte so schnell, das er völlig außer Atem zu Hause ankam. Die Spannung wuchs ins Unerträgliche.

Mama, die immer noch im Garten wühlte, fragte verwundert: „Schon zurück vom Bolzen?“

„War niemand auf dem Bolzplatz“, log Jonas zum dritten Mal an diesem Tag. Mama gab sich damit zufrieden und Jonas sauste auf sein Zimmer, schloss die Tür ab und wickelte hektisch die Überraschungseier aus.

Zehn Minuten später betrachtete er mit schokoladenverschmiertem

Mund das Ergebnis.

„Acht Enttäuschungseier,“ murmelte er.

Kreisel, Spiele, Puzzles, aber kein „galaktischer Imperator“.

Beim Abendessen war Jonas äußerst wortkarg.

Papa fragte: „Hast du keinen Hunger Jonas?“

„Nein“, antwortete er, weil ihm vor lauter Schokoladeneiern schlecht war, worauf die sorgenvolle Frage seiner Mama folgte: „Du wirst ja wohl nicht krank?“ verbunden mit einer fürsorglichen Hand auf seiner Stirn.

In dieser Nacht träumte Jonas, dass der „galaktische Imperator“ plötzlich in seinem Zimmer stand.

„Hallo Jonas“, sagte er, „ ich bin gekommen um dich deiner gerechten Strafe zuzuführen. Nicht nur, dass du Geld gestohlen hast, welches andere Menschen dringender brauchen als du, sondern auch noch dreimal gelogen an einem Tag. Das schreit nach Strafe!“

Mit böse funkelnden Augen öffnete  er einen Korb den er bei sich führte und sprach: „Alles, was sich in diesem Korb befindet, musst du aufessen, das ist deine Bestrafung!“ Jonas schaute in den Korb. Er war randvoll mit Schokoladeneiern. Da erwachte er blitzartig und schaffte es gerade noch bis zum Bad, wo er sich, so leise es ging, übergab, damit seine Eltern nichts merkten und sich Sorgen machten. Am Morgen saß er bleich und müde am Frühstückstisch.

Wie konnte er verhindern, dass ihn der „galaktische Imperator“ noch einmal besuchte? Keine Frage.

Er musste das Geld zurück ins „Ruanda-Schwein“ stecken und seiner Mutter etwas zum Ausgleich für die Lügen schenken, um alles wieder gut zu machen. Auf dem Bolzplatz hatte er letztens zwei große, nicht gerade nette Jungen belauscht. Der eine erzählte, dass er auf dem Supermarktparkplatz den Einkaufswagen mit einem 20 Centstück von seiner Kette befreite und ihn dann jemandem, der gerade aus dem Auto stieg, mit den Worten anbot: „Sie können mir den Euro im Tausch gegen den Einkaufswagen geben, dann müssen sie nicht so weit laufen.“

„Klappt fast immer“, hatte er geprahlt, „denn die wenigsten wissen, dass auch 20 Centstücke in den Einkaufswagenschlitz passen und schon hat man 80 Cent Gewinn gemacht.“

Das  war die Idee um an Geld zu kommen, fand Jonas.

Am Nachmittag konnte Jonas nicht schnell genug zum Bolzplatz kommen, wie er seiner Mutter ein weiteres Mal vorlog, da angeblich ein wichtiges Spiel gegen ein Team aus einer anderen Straße stattfand.

Kaum auf dem Supermarktparkplatz angekommen steckte er ein

20 Centstück in einen Einkaufswagen. Es funktionierte wirklich.

Danach visierte er das erste Opfer an. Eine alte Dame, die auch noch gehbehindert war. Zielstrebig steuerte Jonas mit dem Einkaufswagen auf sie zu.

„Tu´s nicht“, hörte er plötzlich eine innere Stimme sagen und statt der Dame den Einkaufswagen im Tausch gegen den Euro anzubieten fragte er: „Kann ich Ihnen beim Einkaufen helfen?“

„Gerne, aber hat das einen bestimmten Grund. Das hat mir ja noch nie jemand angeboten“, antwortete die alte Dame.

„Ach, ich tue das gegen eine kleine freiwillige Spende für ein Projekt des „Eine-Welt-Ladens „ für Ruanda“, erwiderte Jonas.

„Na, das finde ich ja toll, so klein und schon so hilfsbereit“, sagte die nette Dame.

Am Anfang irrte Jonas durch die Gänge, aber bereits beim dritten Helfereinsatz kannte er sich schon etwas aus und wurde immer schneller.

Bis ans Auto lieferte er die Ware. Der ein oder andere Misstrauische schickte ihn zwar mürrisch und mit bösen Worten fort, doch Papa sagte immer: Man kann kämpfen und verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren! Deshalb versuchte es Jonas immer wieder.

Zudem beobachtete Jonas ein paar Jugendliche, die wohl nicht unter Geldmangel litten, da sie ihre Pfandflaschen nicht in den Markt zurückbrachten, sondern einfach achtlos an der Hauswand stehen ließen. Jonas sammelte die Pfandflaschen ein und ließ sich das Pfandgeld im Laden zurückgeben. Am Abend klimperten 10 Euro und 50 Cent in seiner Hosentasche. Zu Hause angekommen fütterte er sofort das „Ruanda-Schwein“ wieder fett und gab ihm noch zusätzlich zu dem ausgeliehenen Geld 2 Euro und 77 Cent zum Nachtisch. Für 1 Euro und 50 Cent hatte er seiner Mama eine Verzeih-mir-meine-Lügen-Schokolade gekauft.

„Wofür bekomme ich die?“ fragte Mama.

„Weil du einfach galaktisch bist“, antwortete Jonas, womit Mama wenig anfangen konnte.

Leider bohrte Mama immer so lange nach, bis sie etwas verstanden oder herausgefunden hatte. Irgendwie war Jonas das heute aber recht und

die Wahrheit sprudelte nur so aus ihm heraus. Mit jedem Wort wurde ihm leichter ums Herz. Als er mit seiner Beichte fertig war sagte Mama: „Also Jonas, ich finde es toll, dass du mir die Wahrheit gesagt hast und bei einer Strafe, die ich mit Papa gemeinsam beschließen werde, wird sich das günstig auf  diese Strafe auswirken.“

Jonas war dann mit drei Abenden ohne seine Lieblingssendung „Wissen macht Ah“ davon gekommen. Am Abend im Bett überlegte Jonas, was er heute gelernt hatte. Man muss alles von zwei Seiten betrachten, dann hat das Schlechte manchmal auch seinen Sinn, hatte Papa mal gesagt.

„Wie wahr“, dachte Jonas noch bevor er einschlief.

In dieser Nacht kam der „galaktische Imperator“ nicht in Jonas Träume und die anderen sieben Weltraumkämpfer verkaufte Jonas auf dem nächsten Flohmarkt und fütterte damit erneut das Ruanda-Schwein.

 

 

 

 

 

Jonas dreht einen Tierfilm

 

 

 

Jonas hatte sich bitterlich bei seinen Eltern darüber beschwert, dass sie dieses Jahr nicht mit ihm in den Urlaub fuhren. „Wir können dieses Jahr nicht in Urlaub fahren, denn Papa war lange ohne Arbeit und wir haben unsere Ersparnisse bis auf einen kleinen Rest aufgebraucht. Im nächsten Jahr sieht es vielleicht schon wieder besser aus, wenn Papa seinen Arbeitsplatz behält“, sagte Mama. Doch an diesem Abend tat Papa sehr geheimnisvoll und nachdem er Jonas eine Geschichte vorgelesen hatte, sagte er: „So, mein Sohn, ich habe morgen einen Tag frei bekommen und wir werden uns auf eine gefährliche Expedition begeben.

Beim Joggen ist mir aufgefallen, dass wir in einer Gegend wohnen, wo Massen von äußerst seltenen Gnapsen leben.

Der große Tierforscher Jonas Zebralla wird einen Dokumentarfilm über die verschiedenen Gnapsarten drehen.“

"Was sollen denn Gnapse sein, Papa?“ fragte Jonas.

„Gnapse sind äußerst seltene Tiere und kommen nur in dieser Gegend Deutschlands, dafür aber in sehr vielen Arten vor“, erwiderte Papa.

Jonas war so aufgeregt und so gespannt auf den nächsten Tag, dass er wieder einmal die Kirchenuhr elfmal schlagen hörte, bevor er einschlief.

Am nächsten morgen bereitete Mama bereits in der Küche einen Proviantkorb vor, als Jonas aufstand. Papa hantierte mit seiner Digitalkamera und nachdem Jonas gefrühstückt hatte, erklärte ihm Papa die wirklich kinderleichte Bedienung der Kamera. Dann sollte Jonas den Anfang des Filmes drehen. Papa saß wie ein Ansager im Fernsehen im Wohnzimmersessel und erklärte, dass die Zuschauer nun auf eine interessante Reise in die Welt der Gnapse mitgenommen würden. Zum Schluss sagte er, dass er stolz sei, für die Durchführung dieses Projektes den berühmten Tierfilmer Jonas Zebralla gewonnen zu haben…

Mama gab dem Tierfilmer und dem Kommentator noch einen Kuss und im Anschluss daran ging das Abenteuer los.

Zuerst wanderten sie zu einem großen Ameisenhaufen am Rande eines Fahrradweges. Jonas ging mit seiner Kamera ganz nah heran und Papa erklärte, dass das keinesfalls Ameisen seien, sondern Exemplare des braunleibigen Arbeitsgnaps, dessen Völker unglaublich fleissig wären. Danach gingen sie weiter zur Kuhwiese, auf der sich aber heute nur viele gescheckte, milchgebende Eutergnapse befanden. Als sie ihren Weg fortsetzen wollten, zuckte Papa plötzlich zusammen und zeigte mit entsetztem Gesicht auf eine am Boden liegende Eichel, die Jonas filmen sollte. „Hier haben wir es nicht etwa mit einer herkömmlichen Eichel zu tun, sondern mit einer besonders gefährlichen Gnapsart, dem plötzlich hochspringenden Eicheltarngnaps, dem schon ungezählte kleine Tiere auf den Leim gegangen sind.

Er gilt als sehr selten und als sehr gefährlich“, kommentierte Papa in die Kamera, die Jonas nun ganz nah an den Eicheltarngnaps heranfuhr. Weiter ging es in den nahegelegenen Wald, in dem Mama immer mit ihrer Breitensportgruppe lief. Dort entdeckten sie in lockerer Reihenfolge einen weithüpfenden Grünsprenkelgnaps, der entfernt an einen Frosch erinnerte, den schwarzen Langsamkriechkäfergnaps mit schillernd blauen Flügeln, einen haustragenden Schleimspurgnaps und letztlich, als sie bereits Stunden unterwegs waren und der Picknickkorb sich leerte und dem Tierfilmer Jonas Zebralla die Füße weh taten, gelang ihnen eine sensationelle Aufnahme eines Gnaps, von dem es weltweit noch etwa fünf Stück gab, wie Jonas Papa behauptete, dem rotbebrillten Wasserquellengnaps. Papa hatte sich ein altes Schaffell über den Kopf gehängt, seine riesengroße rote Brille aufgesetzt, die vor zehn Jahren Mode war, sich hinter einem Baum versteckt und gewartet, dass Jonas ihm das Zeichen gab, dass die Kamera lief. Nun kam er hinter dem Baum hervorgehüpft und schnüffelte mal hier und mal da. Das sah so lustig aus, dass  Jonas die Kamera kaum still halten konnte, weil er das Lachen unterdrückte. Als die beiden sich glücklich und erschöpft vom Wandern auf den Heimweg machten, sagte Papa zu Jonas:

„Ist nicht alles wunderbar, was Gott geschaffen hat, damit wir es bewahren. Schau einmal die wunderbare Pflanzen- und Tierwelt.

Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass selbst alle Professoren der Welt nicht einen Marienkäfer erschaffen können, der lebt. Hat er nicht völlig recht?“ Jonas hatte andächtig zugehört und stimmte seinem Papa mit heftigem Kopfnicken zu. Und noch etwas ging ihm durch den Kopf. Er bekam etwas sehr wertvolles von seinen Eltern. Etwas was viele Kinder nie oder nur sehr selten bekamen, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit.

Als Mama, Papa und Jonas sich diese wundervolle Tierdokumentation am Abend anschauten, war Jonas sehr glücklich, denn was war schon ein Strandurlaub gegen eine gefährliche Expedition ins Land der tausend Gnapse? 

 

 

 

 

 

Jonas schenkt Mama Glück

 

 

 

Einmal, als Papa und Jonas knuddelten, fragte Jonas, ob Papa ihn liebe.

„ Natürlich mein Schatz, die wichtigste Aufgabe für Eltern ist, das Herz ihrer Kinder mit der Liebe zu füllen, die Jesus ihnen selbst ins Herz gibt. Gott ist die Sonne, Jesus das Licht und der heilige Geist die Wärme. Sind alle drei bei uns, dann sind die Herzen voller Liebe, die wir wiederum an unsere Kinder weitergeben dürfen “, hatte Papa geantwortet. Jonas Herz war randvoll mit Liebe!  

Besonders liebte er Mama und Mama liebte Jonas. Und wenn man jemanden liebt den, möchte man immer glücklich sehen. Mama hatte viele bunte, wunderschöne, verschiedene Blumen im ganzen Haus verteilt, die sie mit großer Freude pflegte. Papa behauptete Mama habe einen grünen Daumen, was Jonas unauffällig kontrollierte, doch Papa schien ihn hereingelegt zu haben. Aber eine einzige Blume, die Mama besonders schön fand und von der sie gerne einige Ableger gehabt hätte, entwickelte sich zu ihrer Sorgenblume.

„Ich kann tun und lassen was ich will“, sagte sie“, leider bekommt sie keine Ableger.“ Leise seufzend goss sie die widerspenstige Pflanze. Jonas überlegte wie er Mama helfen konnte. Schon am Nachmittag fand er eine, wenn auch vorübergehende, Lösung.

Unter einer Rampe am Güterschuppen des stillgelegten Bahnhofs des Dorfes entdeckten Jonas und Tim beim Detektiv Spielen in einer Ecke einen Sack mit Samen, der an der Seite aufgerissen war und den die früher hier arbeitenden Leute wohl beim Aufräumen vergessen hatten. Mit viel Mühe hatten die beiden herausgefunden, dass auf dem Sack „Saatgerste“ stand.

Jonas stopfte sich unauffällig zwei Hände davon in die Hosentaschen, bevor Tim etwas bemerkte und dumme Fragen stellte.

Abends, als Mama beim Turnen war und Papa im Keller auf dem Trimmrad, pflanzte Jonas die Saatgerste in Mamas Sorgenpflanze. Behutsam bedeckte er die Samen und versuchte die Spuren der kleinen Buddelei zu verwischen.

Fast hätte er seine gute Tat schon vergessen, als acht Tage später ein entzückter Laut aus dem Wohnzimmer drang. Mama rief lauthals alle Familienmitglieder zusammen.

Mit vor Freude glänzenden Augen zeigte sie auf die Sorgenpflanze und verkündete: „Trotz guter Pflege hatte diese Pflanze noch nie einen Ableger, aber nun schaut, was dem Geduldigen geschenkt wird. Nicht ein Ableger, sondern zwanzig, dreißig auf einen Schlag!“

Jonas wäre am liebsten vor Stolz geplatzt und war erstaunt, wie einfach es doch war einen Menschen, den man gern hatte, glücklich zu machen.

Drei Wochen später verwelkte die Gerste und Mama gab die Hoffnung auf Ableger endgültig auf. „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, gepriesen sei der Herr“, sagte sie, „steht schon in der Bibel!“

Ja, ja, da können auch Erwachsene mal wieder sehen, wie nah Glück und Leid beisammen liegen, dachte Jonas. Wenn er sich aber die freudigen Augen von Mama in Erinnerung rief, war der Aufwand es am Ende wohl wert gewesen, denn man braucht keinen Reichtum um glücklich zu sein, wie Papa sagte, sondern ein gutes Herz... und das hatte Jonas nun einmal.       

 

     

 

 

 

 

Jonas und der Märchenopa

 

 

 

Nichts tat der Opa von Jonas lieber als ihm ausgedachte Geschichten und Märchen zu erzählen. Gerne übertrieb er dabei ein wenig. Doch nie war das zum Nachteil für andere Menschen, sondern immer zur Freude. Sie brachten die Leute zum Lachen und Lachen war gesund, behauptete Jonas Papa. Jonas nannte seinen Opa liebevoll „meinen Märchenopa“.

Opa nannte seinen Jonas liebevoll „mein Putzemännchen“, denn als Jonas geboren war und seine Großeltern ihn im Krankenhaus das erste Mal zu Gesicht bekamen hatte Oma entzückt gerufen: „Was für ein putziges Männchen!“

Als Opa wieder einmal zu Besuch kam, um Gemüseabfälle für Jonas Zwergkaninchen Nissel zu bringen, bat Jonas ihn um eine Geschichte, da er die Geschichten von Opa liebte.

„Na gut, Putzemännchen“, sagte Opa, „aber heute erzähle ich dir eine wirklich wahre Geschichte. Als ich noch klein war, so in deinem Alter, musste ich nach der Schule auf einer Wiese in der Nähe unseres Hauses die Kühe hüten. Es war Herbst und der nahende Winter kündigte sich bereits durch kalte Temperaturen und eisige Winde an. Nun musst du wissen, dass früher der Herbst und der Winter viel kälter war als heute. Im Winter war es manchmal so kalt, dass selbst die Schneeflocken Winterjacken trugen“, übertrieb Opa zwischendurch doch ein wenig. Jonas lachte. Opa erzählte weiter: „Wir waren damals so arm, dass ich barfuß in meinen Schuhen lief und dementsprechend von morgens bis abends eiskalte Füße hatte. Immer wieder suchte ich nach einer Lösung um meine Füße zu wärmen. Dann kam mir der Geistesblitz.

Jedes mal wenn eine Kuh etwas hinten herausfallen ließ, zog ich meine Schuhe aus und stellte mich in die wärmende Masse.

Danach waren die Füße erst einmal wieder aufgewärmt, bis die nächste Kuh für neues Heizmaterial sorgte. Auch im Sommer nutzten wir dieses vielseitige Naturprodukt, indem wir Anlauf nahmen und durch den Glibber um die Wette durch die Wiese surften. Sieger war, wer die längste Rutschpartie schaffte. Du siehst Putzemännchen, wir waren früher zwar arm, hatten aber viel Fantasie und immer gute Ideen, um uns die Zeit zu vertreiben.“

Dass diese Geschichte stimmte, glaubte Jonas auf´s Wort, denn mit guten Ideen und Wissen über die Natur konnte es niemand mit seinem Märchenopa aufnehmen. Wie oft hatten sie zusammen Blaubeeren gesammelt oder abgeerntete Felder abgestoppelt, das bedeutete die restlichen Kartoffeln oder Mohrrüben einzusammeln, die die Landwirte liegengelassen hatten. Opa hatte ihm auch den Kartoffelweitwurf beigebracht. Man steckte eine Kartoffel auf einen angespitzten Stock, holte weit nach hinten aus und schleuderte sie dann ruckartig nach vorne.

Oma sagte dann meistens. „Ach Opa, du bringst dem Jungen nur Unsinn bei!“  Sehr viel Spannendes und Wissenswertes aus dem Wald hatte Opa seinem Putzmännchen bei vielen unvergesslichen gemeinsamen Ausflügen beigebracht und andere Kinder staunten, wie gut Jonas sich in der Natur auskannte.

Mama, die beim Bügeln mit einem Ohr die Geschichte über´s Füße wärmen mitgehört hatte, schien Jonas Gedanken lesen zu können. Nachdem Opa wieder fort war sagte sie zu Jonas: „Komm ja nicht auf die Idee, das mit dem Füße wärmen auszuprobieren!“

Gerade hatte Jonas mit dem Gedanken gespielt, die Kühe des Dorfbauern Meier und deren hinten herauskommende Produkte versuchsweise zum Füße wärmen oder Kuhmistsurfen zu nutzen!

Manchmal war Mama ihm einfach unheimlich!

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas sucht den Sinn des Lebens

 

 

 

Es war ein richtig mieser Tag gewesen. Jonas lag im Bett und dachte, dass er heute am Besten gar nicht aufgestanden wäre.

Schon am frühen morgen hatte Mama ihn mit äußerst unfreundlichen Worten aufgefordert, auf dem Bad nicht so lange herumzutrödeln.

Dann bekamen sich Mama und Papa beim Frühstück in die Haare, weil Papa mal wieder eine leere Toilettenrolle auf dem Fensterbrett stehengelassen hatte und Mama es leid war, hinter allen herzuräumen, wie sie sagte. Über diesen Streit vergaßen beide, dass Jonas auch noch da war. Den ganzen Tag ging es so weiter. Jonas hatte keine Lust irgendetwas zu spielen, zu lesen, sich mit Freunden zu treffen oder sonst etwas Sinnvolles zu unternehmen. Der Tag war grau wie das Wetter und abends kam Jonas sich völlig unnütz und überflüssig vor.

Als Papa um die Ecke schaute, um ihm gute Nacht zu wünschen, bemerkte er Jonas griesgrämiges Gesicht. Früher lasen Mama oder Papa Jonas jeden Abend eine Geschichte vor, bis zu dem Tag, als Jonas das erste Mal selbst eine ganze Geschichte zu lesen schaffte.

„Na, mein Sohn, was ist dir denn über die Leber gelaufen?“ fragte Papa.

„Der Tag war unnütz, die Welt ist unnütz und ich bin unnütz“, antwortete Jonas. „Aha“, sagte Papa, „der große Weltschmerz erreicht meinen Jonas. Habe ich dir eigentlich, schon einmal die Geschichte von den vier Knöpfen erzählt?“

Jonas liebte Gute-Nacht-Geschichten, doch langsam fand er sich zu groß für solchen „Babykram“, wie er Papa vor kurzer Zeit gesagt hatte.

Aber heute konnte eine Geschichte vielleicht doch noch seinen trüben Tag aufhellen. Also sagte er betont uninteressiert:

„Nein, aber kannst du ja mal erzählen.“

„Okay“, sagte Papa, der gerne die Tagesschau gesehen hätte, „die Tagesschau, die fällt heut´ aus, weil ich dich liebe, kleine Maus!

Also, es war einmal eine Großmutter, die sammelte ihr Leben lang die Knöpfe von alten, ausgedienten Kleidungsstücken. Sie trennte die Knöpfe ab und verwahrte sie in einem Schuhkarton.

„Wer weiß, für was sie noch einmal gut sind“, pflegte sie zu sagen.

Sie hatte eine Enkelkind, welches sich die schönsten Knöpfe zum spielen aussuchen durfte. Dieses Enkelkind suchte sich, wie Kinder das meistens tun, natürlich die außergewöhnlichsten Knöpfe aus.

Lange Zeit hütete das kleine Mädchen die Knöpfe wie einen wertvollen Schatz, aber wie das mit allem Spielzeug ist, irgendwann verliert es den Reiz und wird vergessen. Mittlerweile befanden sich die Knöpfe in einer kleinen Pappschachtel mit Deckel in der Krimskramskiste für aussortierte  Spielsachen und fristeten auf dem Dachboden ein trostloses Dasein.

Eines Tages aber zupfte jemand an dem Deckel der kleinen Schachtel.

Es war ein neugieriger Spatz, der sich durch die einen spaltbreit geöffnete Dachluke gezwängt hatte, um den Dachboden zu erkunden.

Beim dritten Versuch gelang es ihm endlich, mit seinem Schnabel den Deckel der Pappschachtel zu entfernen. Geblendet von dem hellen Licht, blinzelten ihn vier Knöpfe aus der Tiefe an. „Wer seid ihr denn?“ fragte der kleine Spatz. Ein grauer, mittelgroßer Knopf antwortete: „Vier längst vergessene Knöpfe, seit Jahren in dieser Schachtel, von niemandem vermisst und zu nichts nütze.“ Der lebenslustige kleine Spatz, der jeden Tag als ein neues, spannendes Abenteuer empfand, erwiderte: „Jedes Ding und jedes Lebewesen auf der Erde hat sein Nutzen, dazu wurde es geschaffen.“

„Was zu beweisen wäre“, brummelte ein großer gelber Knopf mit riesigen Löchern mürrisch. Die anderen Knöpfe schwiegen zustimmend.

Die anderen Knöpfe, das waren ein silbern glänzender Metallknopf, welcher in der Sonne blinkte und glitzerte, und ein Perlmuttknopf, der in allen Farben des Regenbogens schimmerte, je nach dem, wie man ihn ins Licht hielt.

Dieser letzte war eigentlich der schönste von allen, da ihm aber ein Stück heraus gebrochen war, empfand er sich als besonders nutzlos.

„Nun, ich werde euch vom Gegenteil eurer düsteren Gedanken überzeugen“, sprach der Spatz, schnappte sich mit spitzem Schnabel den grauen Knopf und flog durch die Dachluke davon.

Nach kurzem Flug landete er auf dem Fensterbrett eines Kinderzimmers einer Doppelhaushälfte. Er hüpfte durch das offene Fenster und legte den Knopf behutsam auf das Bett neben einen Teddybären, der nur ein Auge besaß. Na Jonas, ich glaube, du kannst dir schon denken, dass dieses Knopfauge haargenau dem grauen Knopf glich.“ Jonas schmunzelte: „Erzähl weiter“, bat er seinen Papa.

Jonas Vater fuhr fort: „Zur Schlafengehzeit betrat ein kleiner Junge das Zimmer und traute seinen Augen nicht. „Mama, Teddys zweites Auge ist wieder da“, rief er freudestrahlend. „Na so was“, antwortete seine Mutter,

„wo wir doch überall vergebens gesucht haben, Sachen gibt´s!“

 "Danke“, rief der graue Knopf, doch der Spatz war schon längst verschwunden, um den zweiten Knopf zu holen.

Er sauste durch die Dachluke, ergriff den großen gelben mürrischen Knopf und machte sich erneut auf die Reise.

Auf seinen abenteuerlichen Ausflügen war er des Öfteren beim Zirkus Ravelli zwischengelandet und der Clown Pepe hatte ihm die ein oder andere Leckerei zugeworfen. Doch beim letzten Besuch war Pepe ziemlich traurig gewesen. An seinem Clownskostüm hatte sich ein besonders großer Knopf mit besonders großen Löchern befunden, durch die er, verbunden durch eine Leitung zu einer Wasserflasche in seiner Hosentasche, das Publikum nass spritzte.

Ausgerechnet dieser Knopf war ihm beim Proben abgerissen und unauffindbar. Der Spatz legte den gelben Knopf behutsam auf die oberste Stufe von Pepes Wohnwagen und klopfte energisch mit seinem Schnabel an die Tür.

Wie groß war die Freude von Pepe, als er den Knopf entdeckte, der genau die passende Größe für den Wasserspaß seiner Zirkusnummer hatte. Den dritten Knopf, den silbernen, den unser kleiner Spatz geschwind geholt hatte, schenkte er seiner besten Freundin, der Elster Elsa, die alles, was glitzerte und blinkte, von Herzen liebte und auch manchmal stahl. Dort diente der Knopf noch viele Jahre als liebstes Spielzeug für die Elsterkinder. Jetzt war nur noch der letzte, bunt schillernde Perlmuttknopf mit der abgebrochenen Ecke übrig. Stumm und traurig lag er in der Schachtel, da er jetzt, wie er meinte, nicht nur unnütz war, sondern auch noch sehr einsam. Erneut sauste der Spatz durch die Dachluke und griff sich mit spitzem Schnabel den Trauerkloß und flog mit ihm direkt zum städtischen Knopfmuseum.

Der Direktor führte gerade eine Besuchergruppe vor einen Schaukasten und rief mit vor Stolz bebender Stimme: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, hier sehen sie ein kleines Stück eines äußerst wertvollen, antiken, bunt schillernden  Knopfes, dessen größerer Teil leider bis auf den heutigen Tag verschwunden blieb.“

In diesem Moment warf der Spatz den Knopf durch das leicht geöffnete Oberlicht des Museums und dieser fiel direkt vor die Füße des Museumsdirektors, der seit diesem Tag wieder an Wunder glaubte, die direkt vom Himmel kamen. Der bunt schillernde Perlmuttknopf war wieder ganz und wurde die Attraktion des Knopfmuseums.

Erschöpft und zufrieden ließ sich am Abend der kleine Spatz auf einem Ast nieder und kaum dass er saß, schlief er mit einem glücklichen Lächeln auf dem Schnabel auch schon ein.

Doch wie groß war erst die Freude bei vier Knöpfen, die jeder auf seine Weise, ihren Platz in der Welt gefunden hatten.

Ich hoffe, dass auch mein Jonas jetzt einsieht, dass jeder Mensch auf dieser Erde einzigartig ist und eine wichtige Aufgabe im Leben zu erfüllen hat, für die ihn Gott vorherbestimmt hat.“

„Ja“, sagte Jonas, „danke Papa, das war eine wunderschöne Geschichte und nun werde ich, wie der kleine Spatz schnell einschlafen.“

„Gute Nacht, mein Knöpfchen, schlaf gut“, sagte Papa und zog behutsam die Tür hinter sich zu, als er aus dem Zimmer ging.

 

 

 

 

 

Jonas verwandelt Wein

 

 

 

Der nächste Tag war für Jonas ein Tag der langweiligen Sorte. Erst am Nachmittag, als Tim bei ihm schellte, schien der Tag sich noch in einen abenteuerlichen Tag zu verwandeln. Jonas hatte sturmfreie Bude, da Mama und Papa Möbel aussuchen waren. Er bat Tim herein.

„Hast du eine Idee, was wir spielen könnten“, fragte Tim Jonas.

„Natürlich“! antwortete Jonas geheimnisvoll. „Wir spielen im Keller Forscher und Entdecker“. Dort lagen noch viele unentdeckte und wieder zu entdeckende Schätze herum, die beim Umzug erst einmal nur dort abgestellt wurden. Mit Tim zusammen war Jonas mutig und wagte sich in den dunklen, noch völlig chaotischen Keller, denn alleine traute sich Jonas nicht, aber das musste ja niemand wissen. Also zogen die zwei Forscher in die unterirdischen Höhlen, um ein Abenteuer zu erleben. Jonas Blick fiel auf das Weinregal, welches Papa als einziges im ganzen Keller schon aufgeräumt und gut gefüllt hatte. „Für den nächsten Bibelkreis bei uns“, hatte er Mama gesagt, als er aus dem Keller kam.

„Wie riecht eigentlich Wein“? fragte Tim.

„Weiß ich auch nicht so genau“, erwiderte Jonas, „aber Forscher können das erforschen“. Trotzdem ihm Mama bei der letzten Feier verboten hatte, am Wein zu nippen, nahm Jonas eine Flasche aus dem Regal. Schlau wie er war, nahm er eine Flasche mit Schraubverschluss.

Papa hatte gesagt, dass dieser Wein zwar nur einen billigen Schraubverschluss besaß, aber trotzdem gute Kritiken bekommen hatte und sehr preiswert war. Mit viel Mühe bekam Jonas die Flasche geöffnet.

Doch gerade, als der Schraubverschluss endlich mit einem Knacken nachgab, geschah das Unglück. Die Flasche flutschte Jonas aus der Hand und fiel, Gott sei Dank ohne zu zerbrechen, auf den Teppichboden des Kellerraumes. Jetzt wussten Jonas und Tim wie Wein riecht, denn fast die halbe Flasche hatte sich in einer großen Pfütze über den Teppichboden ausgebreitet. Zum Glück war es Weißwein, der nicht so verräterische Spuren wie Rotwein hinterließ.

Tim und Jonas fanden den Geruch, der sich nun schnell verbreitete, nicht gerade prickelnd und wunderten sich ein weiteres Mal, für was sich die Erwachsenen alles begeistern konnten. Nun aber war guter Rat teuer. Jonas und Tim dachten nach. Die Weinflasche war halbleer. Jonas sauste in den Waschkeller und holte einen Aufnehmer. Damit saugte er den ausgelaufenen Wein, so gut es ging, auf. Der große Kreis auf dem Teppichboden war noch deutlich zu erkennen.  Als nächstes goss er Feinwaschmittel in flüssiger Form auf den Fleck und bearbeitete ihn mit dem Schrubber. Frühlingsduft mischte sich unter den Weingeruch. Zuletzt bearbeitete der clevere Jonas den Fleck noch mit Galseife. Tim und Jonas rubbelten und schrubbten bis sie das Ergebnis zufrieden stellte. Doch da türmte sich schon das nächste Problem vor ihnen auf.

Die Weinflasche war halbleer und Jonas mochte sich gar nicht ausmalen, was geschah, wenn seine Eltern das Ergebnis ihrer Forschungsreise entdeckten. Besonders Mama war eine ausgesprochene Merkerin.

Zum Glück rumorte oben noch niemand in der Wohnung herum und so blieb Tim und Jonas noch Zeit ihr Missgeschick zu beseitigen.

Jonas überlegte und überlegte. Dann kam ihm die blendende Idee.

Papa hatte beim letzten Einkauf im Supermarkt an einem Weinstand einen Wein probiert und beim weitergehen  zu Mama gesagt: „Das war ja der pure Essig“! Jonas wusste damals nichts damit anzufangen, war aber nun froh, dass er sich an diese Szene erinnerte. Also schmeckte Wein wohl wie Essig, dachte er. Jonas rannte die Kellertreppe hoch, warf einen kurzen Blick ins Wohnzimmer, ob die Luft immer noch rein war und begab sich dann zum Vorratsschrank in der Küche. Sofort entdeckte er die Essigflasche und zu seiner Freude stand auch noch „Weinessig“ auf dem Etikett. Also konnte nichts mehr schief gehen. Schnell sauste er wieder in den Keller und gemeinsam füllten sie die Weinflasche wieder auf. Dann schüttelte Jonas das ganze gut durch, verschraubte die Flasche, so fest es ging und stellte sie wieder ins Weinregal. Auch der Fleck auf dem Teppichboden verblasste immer mehr und Tim und Jonas verließen den Keller und hatten das Ganze rasch vergessen. Wie es aber mit allem ist, was man im Dunklen tut, fällt irgendwann ein Licht darauf.

Zwei Tage später hörte Jonas, wie Mama Papa fragte: „ Sag mal, hast du für irgendetwas Weinessig gebraucht. Ich bin mir sicher, dass die Flasche am Sonntag noch voll war und jetzt ist sie halbleer!“

Als Papa das verneinte sagte Mama. „Ich glaube ich werde langsam alt,“ und beendete zu Jonas Glück die Fragerei. Anlügen konnte Jonas seine Mama seit der Sache mit dem galaktischen Imperator nicht mehr. Hätte sie ihn gefragt, hätte er alles erzählt…

Auch der Fleck im Keller kam noch einmal auf den Tisch. „Im Partykeller riecht es ganz doll nach Feinwaschmittel und irgendwas, was ich nicht identifizieren kann. Hast du damit zu tun“, fragte Mama Papa beim Abendessen. Papa, der gerade etwas in einem Prospekt las, antwortete zu Jonas weiterem Glück: „Das bildest du dir ein, ich habe nichts gerochen!“ Jonas dankte abends im Bett Gott dafür, dass die Sache für ihn gut ausgegangen war. Doch diesen Dank nahm Gott, zu recht, nicht an.

Es war Montagabend 20.00 Uhr. Zeit für Mamas Frauenbibelkreis.

Mama war diesmal die Gastgeberin. Als Jonas über den Flur zu seinem Zimmer ging, hörte er wie Mama fragte: „Möchte jemand einen leckeren Weißwein probieren, echt spitze!!“ Mamas beste Freundin antwortete: „Ja gerne“!

Als Jonas noch einmal durch die Tür lugte sah er Mama mit der Weinflasche über den Flur ins Wohnzimmer gehen. Er dachte sich nichts dabei, denn die Flasche sah aus, wie eine Weinflasche auszusehen hatte, voll und zu! Was Jonas nicht mit bekam, war, dass seine Mutter ihre Freundin fragte, wie ihr denn der Wein schmecke, nachdem sie ihn probiert hatte. Diese antwortete: „Na, wenn ich ehrlich bin, ich habe schon weitaus Besseren getrunken, mein Fall ist er nicht, kann ich ihn wohl stehen lassen“! Natürlich sagen sich beste Freundinnen immer die Wahrheit, ohne nachtragend zu sein, doch Jonas Mutter war den ganzen Abend etwas unterkühlt zu ihrer Freundin. Selbst als alle gegangen waren, wurmte sie die Bemerkung über den Wein immer noch.

Enttäuscht sagte sie zu Papa: „Ich für meinen Fall werde mir jetzt noch ein Gläschen dieses überaus leckeren Weines genehmigen. Manche Leute wissen halt nichts Gutes zu schätzen“! Nach dem ersten Schluck hatte sie angewidert das Gesicht verzogen:

„Kann Wein schlecht werden“? fragte sie Papa. Papa, der in die Zeitung vertieft war brummelte nur: „Passiert schon mal.“

„Na, da muss ich ja bei Astrid Abbitte leisten, der schmeckt ja furchtbar, wie purer Essig und mir fällt auf, der Verschluss hat beim Öffnen gar nicht geknackt, war wohl doch irgendetwas nicht in Ordnung,“ hatte Mama erwidert.

Jonas, der gerade noch einmal auf dem Clo gewesen war, hatte dieses Zwiegespräch mitbekommen und doch noch ein schlechtes Gewissen bekommen.

Als er im Bett lag war er froh, dass er Jesus alles beichten konnte, bevor er einschlief, denn Papa hatte zu ihm gesagt: „Alle Schuld kannst du zu Jesus bringen und wenn es dir aufrichtig leid  tut, dann ist dir vergeben, da Jesus auch für deine Dummheiten gestorben ist und dich somit von allem ehrlich Bereuten befreit.“ Froh dass das so war, schlief Jonas ein, denn er bereute ehrlich, dass er Mama den Abend verdorben hatte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas und das Böse

 

 

 

Schon früh am nächsten Morgen war Jonas Märchenopa mit dem Fahrrad vorbeigekommen und hatte wieder einmal Gemüseabfälle aus Omas Küche für Jonas Zwergkaninchen vorbeigebracht.

Als es an der Tür schellte, erzählte sein Flunkeropa gerade, dass er sich bei seinem abendlichen Spaziergang durchs Dorf einen Mondbrand geholt habe, da ja gerade Vollmond sei. Lachend rannte Jonas zur Tür.

Dort stand zu seiner Überraschung Mia, ein Mädchen, welches er vom Bolzplatz kannte und die in einer anderen Straße wohnte.

„Hast du Lust mit mir ein wenig Fußball zu spielen?“ fragte sie.

Das brauchte man Jonas nicht zweimal zu fragen.

Mia war zwei Jahre älter als Jonas. Sie war der Ronaldinho unter den Mädchen vom Bolzplatz und würde irgendwann bestimmt einmal die Nachfolgerin von Birgit Prinz, der Weltfußballerin werden, glaubte Jonas. Das Bayerntrikot schien ihr mittlerweile am Leib festgewachsen zu sein, denn Jonas hatte sie, seit er hier wohnte, noch nie ohne das Trikot gesehen.Auf jeden Fall betrachtete Jonas es als große Ehre, dass sie ausgerechnet ihn als Trainingspartner ausgesuchte hatte.

Eine Stunde köpften, passten, dribbelten, schossen sie, bis sie Durst bekamen.

Mia sagte: „Du kannst mit zu uns kommen, dann weißt du auch, wo ich wohne.“  Nachdem sie ihren Durst mit einem  großen Glas köstlichem, kalten Eistee gelöscht hatten fragte Mia plötzlich:

„Sollen wir ein wenig fernsehen?“ Jonas, für den fernsehen frühestens ab 19.00 Uhr und dann höchstens für eine Stunde erlaubt war, fragte perplex: „Ja, darfst du das denn einfach, ohne deine Eltern zu fragen!“

„Siehst du hier irgendwo Eltern? Die sind beide arbeiten und mein großer Bruder schläft in den Ferien bis mittags, also Kiste an“, erwiderte Mia.

Jonas reizte es schon, einmal zu sehen, was denn am frühen Vormittag Kinder so im Fernseher anschauen konnten. Papa und Mama mussten das ja nicht unbedingt erfahren. „Okay“, sagte er deshalb neugierig.

Mia schaltete den Fernseher ein und sogleich erschienen sich bekämpfende Trickfilmfiguren, rotäugig, furchtbar anzuschauen, mit Hörnern und allem, was Jonas fürchterlich Angst machte.

"Das ist meine Lieblingsserie“, sagte Mia, „Gornot der Dämonenjäger.“ 

Jonas wurde unterdessen vor Furcht immer kleiner in seinem Sessel.

Die Augen zu schließen traute er sich nicht, weil er vor Mia nicht als Feigling da stehen wollte. Furchtbare, grauenhafte 20 Minuten später war es endlich für ihn überstanden. „Sollen wir jetzt weiterbolzen?“ fragte Mia zu Jonas Freude, da er befürchtet hatte, dass er noch einen ähnlich schlimmen Film mit ihr anschauen musste. „Ja, sehr gerne“, antwortete Jonas erleichtert. Selbst während sie sich den Ball zukickten gingen Jonas die schlimmen Bilder von Gornot, wie er gegen die von Satan ausgesandten Dämonen kämpfte, nicht mehr aus dem Kopf.

„Glaubst du, dass es so etwas wirklich gibt“, rief er Mia zwischen zwei Flachpässen zu. „Na klar, rief sie zurück, „ich weiß sogar, wo der Satan wohnt.“ „Du weiß, wo diese furchtbare Gestalt wohnt?“ fragte Jonas nach. „Glaubst mir wohl nicht, also gut, komm mit, ich zeig´s dir“, erwiderte Mia.

Jonas sackte endgültig das Herz in die Hose.

„Ich will´s gar nicht wissen“, piepste er mit ängstlicher Stimme.

„Ach, der kommt nie nach draußen und zudem wohnt unter ihm in der Wohnung unser Pastor, da traut sich der Satan nicht die Treppen runter.

Also, hast du Mut oder nicht?“ forderte Mia Jonas heraus.  

Das wollte Jonas nicht auf sich sitzen lassen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Pfarrhaus. Dort zeigte Mia auf das Dach und sagte: „Bitte, da steht SATAN!“ Jonas merkte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Gleichzeitig wurde ihm angst und bange bei dem Gedanken, dass dieser abscheuliche Typ vielleicht gleich aus der Haustür trat. Da schlug die Kirchenglocke zwölf Mal und Jonas sagte hastig: „Tschüss, Mia, ich muss leider jetzt Mittagessen, danke für´s Spielen.“

„Bis bald“, antwortete Mia. Still und nachdenklich saß Jonas am Mittagstisch.

Mama fragte: „Na, müde vom Fußball?“

„Ja“, antwortete Jonas gedankenverloren. Er war sich immer noch nicht ganz sicher, ob Mia ihn hereingelegt hatte. Die Buchstaben auf dem Pfarrhaus hatte er sich aber gut gemerkt und schrieb sie nun mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier. Um ganz sicher zu gehen zeigte er es Mama und fragte. „Was heißt das?“

„Satan“, sagte Mama misstrauisch, „wo hast du das gesehen?“

„Ach, an einem Haus!“ antwortete Jonas.

Mama fragte erstaunlicherweise nicht weiter nach. Sie dachte bestimmt, es handele sich um von Jugendlichen an eine Hauswand gesprühte Schmiererei. Dann wurde es immer später und Jonas dachte mit Grausen an die einsame Nacht in seinem dunklen Zimmer.

Er brauchte schon jetzt nur die Augen zu schließen und sah sofort die düsteren Gestalten aus dem Zeichentrickfilm vor sich.

Wie sollte es erst in der Nacht werden, allein, nur mit Wuffel, seinem Kuschelstoffhund, in seinem Bett der ihm auch nicht helfen konnte, da er ja selber noch ziemlich klein war. Um 23.00 Uhr hielt Jonas es vor Angst nicht mehr aus und rief panisch nach Papa. Weinend beichtete er Papa die ganze Geschichte! Doch Papa nahm ihn in die Arme und sagte: „Ich glaube, du bist durch deine Angst bestraft genug und hast aus dieser Sache gelernt!“ Das bejahte Jonas schluchzend.

Papa, der ungläubig, mit offenem Mund davon erfahren hatte, dass der Satan ausgerechnet im Pfarrhaus wohnte, ergriff erst einmal Sofortmaßnahmen, damit sein Jonas schlafen konnte.

„Bin gleich wieder da“, sagte er. Der leuchtende Schlummerschlumpf aus Jonas Kleinkinderzeit kam in die Steckdose und kurze Zeit später kam Papa, mit einem Glas aus dem Keller das einen Schraubverschluss besaß, in Jonas Zimmer. Beschwörend murmelte er: „Alles Böse, groß und klein, schlüpfe in das Glas hinein`, mit Jesus dreh den Deckel zu, dann geben die Dämonen Ruh!“ Dann schraubte er das Glas blitzschnell zu.

„Alle drin, randvoll. Das bringe ich jetzt gleich noch zum Glassammelbehälter“, sagte er dann und betrachtete interessiert das Glas von allen Seiten. Jonas war heilfroh und wollte nichts mehr von dem ganzen Spuk sehen. „So mein Sohn, jetzt schlaf gut und morgen fahren wir gemeinsam zum Pfarrhaus und ich beweise dir, dass es dort keinen Satan gibt!“ waren die letzten Worte von Papa, als er den Raum verließ und die Tür schließen wollte. „Bitte Tür auflassen“, rief Jonas.

„Na klar, mach ich“, sagte Papa. Trotz alledem schlief Jonas in dieser Nacht nicht gut und war froh, dass das Schlummerlicht ihn tröstete und das sein Kuscheltier Wuffel bei ihm war, da er bei jedem kleinen Geräusch hoch schreckte. Papa hielt am nächsten Nachmittag sein Versprechen. Nach der Arbeit trank er eine Tasse Kaffee und machte sich dann mit Jonas auf den Weg zum Pfarrhaus.

Dort zeigte Jonas ängstlich zum Dach hinauf.

Tatsächlich, SAT-AN stand dort groß und fett auf einer Satellitenschüssel geschrieben.

Papa fing an zu lachen und konnte sich nicht mehr beruhigen.

Verständnislos schaute Jonas ihn an.

„Ach mein Jonas, ich lache dich nicht aus, aber weißt du was das bedeutet? Das ist die Abkürzung des Firmennamens der Firma, die diese Satellitenschüssel hergestellt hat.

SAT-AN heißt einfach nur SATELLITEN-ANTENNE. Mia hat dich ganz schön reingelegt.“

Das war Jonas völlig egal. Er war froh, dass sich das unheimliche Rätsel auf diese Art und Weise auflöste und dass sein Papa weder vor Satan noch vor Dämonen wich.

Nach der vorherigen halb durchwachten Nacht fiel Jonas abends wie ein Stein ins Bett und schlief fest und traumlos. Wer war schon Gornot gegen seinen Papa, den Dämonenjäger, der Jesus an seiner Seite hatte!

 

 

 

Jonas will Erster sein

 

 

 

Am Sonntag saß Jonas mit seiner Familie am Mittagstisch. Nachdem alle gemeinsam gebetet hatten, schaufelte er das leckere Essen so schnell in sich hinein, dass er lange vor den Anderen fertig war. „Erster“, schrie er laut. „Erster“, sagte Papa,“ habe ich dir schon einmal die Geschichte von dem kleinen Elefanten erzählt, der immer Erster sein wollte?“ „Oh nein, nerv, nerv, die hast du mir als Kind hundert Mal erzählt“, mischte sich Samantha ein und verdrehte die Augen. Doch Papa ließ sich nicht davon abbringen. „ Also, jener kleine Elefant wollte bei allem und immer Erster sein. Ein befreundeter Papagei hatte ihm erzählt, dass er bei seinen Rundflügen auf der anderen Seite  des Tales ein völlig unberührtes Stück Land mit schönsten Wildblumen und leckersten Kräutern gesehen hatte. Schon beim Gedanken daran lief  dem kleinen Elefanten das Wasser im Mund zusammen. Er machte sich ohne seine Eltern zu fragen schnellstens, um als Erster diese Leckereien genießen zu können, auf den Weg, der über eine Brücke auf die andere Seite des Tales führte. Es regnete in Strömen und der Dauerregen hatte den sonst kleinen Fluss in einen reißenden Strom verwandelt, dem die Brücke nicht mehr standgehalten hatte und weggerissen worden war. Der kleine gierige Elefant aber rannte blindlings auf die Schlucht zu. Der Boden war morastig und als er abbremste, kam er ins Rutschen und plumpste rüsselüber in den Strom. Hätten seine aufmerksamen Eltern sein Verschwinden nicht bemerkt und seine verzweifeltes Tröten nicht sofort gehört wäre es zu einem tragischen Ende gekommen.

Doch sie zogen den erschöpften Wicht rechtzeitig bevor er ertrank aus den Fluten. So ergeht es denen, die immer Erster sein wollen.

Übrigens, auch Jesus sagt: Die Ersten werden die Letzten sein und meint damit, dass die, die immer nur vordrängeln, um die besten Plätze zu haben, im Himmelreich wohl eher die letzten Plätze belegen werden. Kannst du in deiner Kinderbibel nachlesen“, schloss Papa seine Erzählung.  „Doofe Geschichte“, sagte Jonas, doch wunderte er sich, wenn er in den nächsten Wochen mal wieder unbedingt Erster sein wollte, dass er dann immer das Bild eines kleinen patschnassen Elefanten vor Augen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Jonas Rache

 

 

 

Samantha nervte Jonas schon den ganzen Tag. Sie hatte das große Glück am nächsten Tag mit dem Handballteam ihres alten Dorfvereines drei Wochen in ein Zeltlager nach Dänemark zu fahren. Ihr früherer Trainer fuhr mit dem Kleinbus extra eine Route, die die Kleinstadt in der Nähe von Samanthas neuem Wohnort streifte. Jedes Mal wenn sie Jonas nun begegnete, flüsterte sie leise: „Balkonien hihi“, um Jonas zu ärgern, da er wegen fehlendem Geld und fehlender Zeit seiner Eltern  in diesem Jahr die Sommerferien zu Hause auf dem Balkon, wie man sagte wenn man nicht wegfuhr, verbringen musste. Alleine wollten ihn Mama und Papa noch nirgendwo hinschicken. Im Laufe des Tages war Jonas immer wütender geworden. „Rache ist süß“, flüsterte er ihr bei der nächsten Begegnung zu, doch sie zog nur eine hässliche Grimasse.

Sam mochte für ihr Leben gern den ekligen Erdbeerjoghurt mit schleimigen Stücken drin. Jonas fand ihn eher zum Würgen.

Aufmerksam hatte er beobachtet wie Samantha diesen Joghurt jeden Abend etwa eine halbe Minute lang kräftig schüttelte um die Erdbeerstückchen und die süße Sauce auf dem Grund des Bechers, in der die Stücke schwammen, besser zu verteilen. Jonas entfernte am

Nachmittag vorsichtig den aus hauchdünnem Aluminiumpapier bestehenden Deckel, schmierte den Rand des Joghurtbechers mit etwas Honig ein und drückte den Deckel wieder leicht an. Perfekt, dachte er, als er sein Werk betrachtete, der Becher sah völlig unbeschädigt aus.

Nach dem Abendessen nahm Samantha, deren Stuhl mit dem Rücken zum Erkerfenster stand, den Becher in die Hand, holte etwas Schwung und wollte mit dem Schütteln des Joghurtbechers beginnen. Doch schon bei der ersten Rückwärtsbewegung  klatschte der gesamte Becherinhalt an das Erkerfenster, wo er beim herabfließen eine Schleimspur wie von einer Erdbeerjoghurtschnecke hinterließ.

Verblüfft schauten Mama und Papa und vorsichtshalber auch Jonas dem Schauspiel zu. „Fabrikationsfehler“, sagte Samantha seelenruhig und trat Jonas unter dem Tisch mit ziemlicher Wut gegen das Schienbein, da sie ahnte, wem sie dieses Missgeschick zu verdanken hatte. Jonas verzog trotz der Schmerzen keine Miene. Am Abend, als Jonas ins Bett ging, begegnete er Samantha noch einmal auf dem Flur. Eigentlich drängte es ihn, sich von Samantha zu verabschieden, denn immerhin sah er sie drei Wochen nicht. Doch als Samantha ihm bei ihrer abendlichen Begegnung die Zunge herausstreckte, sagte Jonas: „Du brauchst mir auch keine Karte zu schicken. Ich bin froh, dass du weg bist und ich dich einige Wochen nicht ertragen muss.“

„Hätte ich sowieso nicht gemacht, du kleiner Fruchtzwerg“, antwortete Samantha.

Doch Jonas konnte nicht einschlafen. Was, wenn Samantha etwas zustieße und er sie zum letzten Mal sehen würde?

Jonas ging auf den Flur und sagte durch die einen Spalt breit geöffnete Tür: „Tschüss, Sam, viel Spaß!“

„Tschüss, ich verzeihe dir den Joghurtanschlag und werde dir auch eine Karte schicken“, klang es versöhnlich aus Samanthas Bett.

Erst da konnte Jonas einschlafen. Papa hatte wieder einmal Recht:

„Lasse nie die Sonne über deinem Zorn untergehen, steht in der Bibel“, hatte er mal zu Jonas gesagt.

 

 

 

 

 

 

 

Jonas und sein Schutzengel

 

 

 

Sonnenstrahlen kitzelten Jonas an diesem Ferientagmorgen in der Nase und weckten ihn. Es sah aus, als würde auch dieser Tag wieder ein wunderschöner Sommertag werden.

Jonas überlegte welcher Wochentag war…Dienstag! Sofort spürte er ein freudiges Kribbeln in seinem Magen. Heute stand ein tolles Fußballspiel auf dem Bolzplatz gegen einige Mädchen und Jungen der Edith- Stein-Straße auf dem Programm.

Jonas drehte den Kopf zur Seite um auf den Wecker zu schauen und bekam einen gehörigen Schreck. Um 11.00 Uhr war Anstoß und der neue Wecker zeigte bereits 10.15 Uhr. Jonas hatte noch nicht einmal gefrühstückt. Jetzt aber raus aus den Federn, dachte er und ließ diesem

Gedanken eine schnelle Katzenwäsche folgen. Im Eiltempo sauste er die Treppe hinunter um eine Tasse Kakao und ein Brot zu frühstücken.

In diesem Augenblick kam Mama, die bereits den Einkauf erledigt hatte, zur Tür herein. Mühsam wuchtete sie den schweren Korb mit Lebensmitteln auf den Küchentisch.

Vorwurfsvoll sagte Jonas: „Warum hast du mich heute nicht früher geweckt?“ denn sonst schmiss Mama ihn jeden morgen in den Ferien um 09.30 Uhr aus dem Bett, damit er abends besser einschlafen konnte.

„Mein lieber Jonas“, antwortete Mama, „seit Tagen liegst du mir damit in den Ohren, dass du in den Ferien, bevor du in die neue Schule kommst, an einem Tag einmal so lange schlafen möchtest, wie du kannst! Dieser Wunsch wurde dir heute von deiner hilfsbereiten Mama erfüllt. Fragen?“

„Ausgerechnet heute, wo ich einen so wichtigen Termin habe“, sagte Jonas. „Was ist denn  dass für ein wichtiger Termin?“ fragte Mama.

„Wir spielen um 11.00 Uhr gegen die Mädels und Jungen der Edith-Stein-Straße, diese Angeber.

Denen werden wir es heute mal so richtig zeigen!“ ereiferte sich Jonas mit einem Blick zur Uhr, die bereits 10.35 Uhr anzeigte. „Wie wäre es denn, wenn du mir in der Zukunft einen solchen wichtigen Termin am Abend vorher ankündigst“, sagte Mama. Doch Jonas war mit seinen Gedanken bereits woanders. Wenn er sich jetzt sofort mit dem Fahrrad auf den Weg machte, konnte er  gerade noch rechtzeitig zum Anstoß auf dem Bolzplatz sein. Flugs zog er seine Sportschuhe an, setzte den Fahrradhelm auf und wollte zur Tür hinaus.

Da fing ihn Mama ab, die aus dem Keller kam: „Stop, du fährst nicht eher zum Bolzplatz, bis du umfassend dein Zwergkaninchen versorgt hast, das heißt frisches Wasser, frisches Pressfutter und etwas von den Gemüseabfällen, die Flunkeropa gebracht hat. Haben wir uns verstanden?“ Das warf Jonas Zeitplan komplett über den Haufen.

„Mache ich sofort wenn  ich zurückkomme!“ rief er hektisch.

„Nein mein Freund, erst die Arbeit, dann das Spiel!“ lautete Mamas Antwort. Jonas wusste, dass es völlig zwecklos war mit Mama zu diskutieren. Das würde nur noch mehr Zeitverlust bedeuten.

„Ich habe nun einmal feste Prinzipien!“ war ihr liebster Spruch, welcher jeder Diskussion mit ihr den Schlusspunkt verpasste.

Genau dieser Satz kam nun und Jonas sah ein, dass das letzte Wort gesprochen war.

Seufzend, mit bitterbösen Gedanken und wütendem Gesicht machte er sich auf den Weg zum Zwergkaninchenstall. Das Vorhaben, passend zum Anstoß auf dem Bolzplatz zu sein, war erledigt. Selbst sein lustig schnupperndes und ihn freudig empfangendes Zwergkaninchen Nissel konnte seine schlechte Laune nicht verbessern.

Gegen 11.00 Uhr macht sich Jonas dann auf den Weg zum Bolzplatz.

Schon von weitem sah er auf dem Radweg, der zum Bolzplatz führte, Blaulichter leuchten und eine große Menschenansammlung.

Unter den vielen Neugierigen entdeckte er auch sein komplettes Fußballteam.

Mario, einer der älteren Jungen, lief ihm aufgeregt entgegen und erzählte ihm, dass sie sich bereits beim Aufwärmen befanden als plötzlich 20 Meter von ihnen entfernt ein Fahrzeug der Stadt durch die Hecke fuhr, ein Stück weit über den Radweg raste und mit einem lauten Knall vor einer dicken Eiche zum stehen kam. Der Fahrer des mit Grünabfällen aus dem Park beladenen Bullis hatte einen Herzanfall bekommen und die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Gott sei Dank war gerade niemand auf dem  Fußgänger- und Fahrradweg unterwegs, so dass ein größeres Unglück verhindert wurde. Auch der Rettungswagen war schnell zugegen und dem Fahrer des Bullis ging es soweit schon wieder ganz gut. Er hatte in jeder Beziehung großes Glück gehabt.

Zwar war auch das Räumen der Unfallstelle noch sehr interessant, aber richtige Fußballer drängt es zum Ball.

So kam Jonas doch noch passend zum Anstoß. Das Spiel war sehr spannend und stand bis zur letzten Minute 2:2 unentschieden, als Jonas eine 100% Torchance versiebte. Ein abschließendes 7 Meterschießen musste die Entscheidung bringen. Dort hatten die Mädchen und Jungen der Edith-Stein-Straße die besseren Nerven und gewannen mit 11:10.

Enttäuscht machte sich Jonas auf den Heimweg und kam dabei noch einmal an der Unfallstelle vorbei, an der die Räumungsarbeiten fast abgeschlossen waren. Polizisten fuhren mit kleinen Handrädern hin und her und städtische Angestellte säuberten den Radweg von Glas- und Metallteilchen. Am Mittagstisch kam Jonas vor lauter erzählen kaum zum  essen. Aufgeregt erzählte er von dem Unfall und den Aufräumarbeiten. „Gut, dass niemand zu Schaden gekommen ist“, sagte Mama. Abends, als Jonas im Bett lag dachte er über den vergangen Tag nach. Plötzlich saß er aufrecht im Bett. Ihm war siedendheiß eingefallen, wenn Mama ihn nicht gezwungen hätte sein Zwergkaninchen zu versorgen, bevor er zum Bolzplatz fuhr, wäre er vielleicht genau zu dem Zeitpunkt mit seinem Fahrrad über den Radweg gefahren, als der Bullifahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor.

Dass das nicht geschah hatte er vielleicht Mama zu verdanken.

Schlagartig taten ihm seine bösen Gedanken und geflüsterten garstigen Worte leid und er brachte seine Schuld im Abendgebet zu Jesus. Aber er war so wütend auf Mama gewesen, dass er fast geplatzt wäre.

Selbst auf der Fahrt hatte er noch immer innerlich mit ihr geschimpft.

„Einen Engel erkennt man immer erst, wenn er vorübergegangen ist“, hatte Papa mal gesagt. Jetzt wurde Jonas klar, was Papa damit meinte und was ein Schutzengel war. Beim nächsten Mal wenn Mama in der Badewanne sitzt, werde ich nachschauen, ob Mama vielleicht kleine Flügel auf dem Rücken hat, dachte Jonas,  bevor er glücklich einschlief… trotz der Niederlage gegen die Edith-Stein-Straße.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas übernachtet bei Oma und Opa

 

 

 

Von Freitag auf Samstag stand Jonas eine besondere Zeit des Verwöhnens bevor. Mama hatte Papa zum Geburtstag Eintrittskarten von einem Sänger geschenkt, den beide in ihrer Jugend verehrten. Jonas beobachtete einmal, dass Papa spontan ein Tänzchen mit Mama versuchte, als eine Platte von diesem Sänger im Radio lief. Dabei machte er ganz verliebte Augen und flüsterte Mama „weißt du noch“ zu.

Ziemlich albern, fand Jonas. Aber dadurch, dass seine Eltern nun zum Konzert gingen, konnte Jonas zwei aufregende, schöne und leckere Verwöhntage mit dem Märchenopa und der Kuchenoma verbringen, denn niemand backte so leckere Kuchen wie Jonas Kuchenoma.

Der Märchenopa war wieder einmal viel früher da als vereinbart, weil er Jonas so gern hatte, dass er die Abholzeit kaum abwarten konnte.

Das war Jonas aber nur recht. Das Freizeitbad mit der Riesenrutsche, dem Strömungskanal, dem Wellenbad und den vielen Spielbecken stand auf dem Programm für den Nachmittag.

Oma hatte einen Korb mit Leckereien und Getränken eingepackt und kaum angekommen machten sie sich auf den Weg ins Badevergnügen.

Damit die Fahrt nicht zu lang wurde erzählte Opa gleich wieder Geschichten: „Hoffentlich erwischen wir heute nicht gerade den Bergauf-Tag!“ sagte er. „Was ist ein Bergauf-Tag?“ fragte Jonas.

„An einem Tag die Woche darf die Riesenrutsche im Erlebnisbad nur bergauf benutzt werden, damit sie sich nicht so einseitig abnutzt“,

erzählte Opa, „aber noch mehr Pech hätten wir natürlich, wenn heute Wasserwechseltag wäre, an dem das Wasser des Erlebnisbades erneuert wird, denn dieses Bad bezieht das Wasser von einem besonders günstigem Anbieter, der es in 1 Liter Pfandflaschen  liefert. Kannst du dir die Arbeit vorstellen.

Erst das ganze alte Wasser in die Flaschen füllen, dann dass ganze neue Wasser wieder in die Bäder schütten. Wenn das ausgerechnet heute stattfindet, haben wir nicht viel vom Eintritt.“

Oma schüttelte den Kopf. „So ein Quatsch“, murmelte sie.

Jonas aber fand es lustig, sich dieses vorzustellen und lachte.

Die Fahrt war wie im Flug vergangen und schon bog Opa auf den Parkplatz des Bades ein. Als Oma, Opa und Jonas aus der Dusche kamen und sich eine gemütliche Ecke, für Ihr „Basislager,“ wie Opa sagte, suchten, wunderte sich Jonas über Opas hochmoderne hellblaue Badehose mit Gürtel und fragte Opa, ob er sich die extra neu gekauft habe.

„Ach die, sagte Opa, „die ist schon das dritte Mal in dreißig Jahren in Mode gekommen, die ist uralt.“

Jetzt sah Jonas auch, warum Oma ihren Opa manchmal zärtlich „meine Mozartkugel“ nannte. Opa  hörte gerne klassische Musik und sah so halbnackt schon sehr einer Kugel mit Haaren ähnlich. Opa hingegen nannte Oma schon einmal „mein Donnerwölkchen“, aber nur wenn dicke Luft im Anmarsch war.  Oma hatte es sich im Liegestuhl mit ihrem Herz- und Schmerzblatt bequem gemacht. Opa und Jonas sausten los um nicht die gerade beginnenden Wellen des Wellenbades zu verpassen. Sie tobten wie zwei kleine Kinder und Jonas freute sich einen so lustigen Opa zu haben. Als sie zum zwanzigsten Male gerutscht waren und zwar alleine, zu zweit, rückwärts, vorwärts, auf dem Bauch, auf den Knien, besonders oft aber im Sitzen, entdeckte Jonas, als Opa vor ihm herging dass sich die Farbe von Opas Badehose hinten veränderte.

Das Hellblau war mit jedem Rutschen im Sitzen immer heller geworden und Jonas meinte erkennen zu können, wo sich die Grenze befand, an der sich Opas Popo in zwei Teile teilte.

Dann geschah es. Wieder einmal waren sie die Rutsche hintereinander im Sitzen hinuntergesaust. Jonas hinter Opa.

Der Stoff an Opas Badehose war vollständig verschwunden und wie ein kleiner Vollmond leuchtete Opas Popo hell im Sonnenlicht als er vor Jonas aus dem Becken stieg. Jonas traute sich nicht laut zu rufen.

„Opa“, flüsterte er, „deine Hose, hinten.“

Opa hatte irgendetwas hinter sich gehört und drehte sich um.

„Hast du was gesagt, Putzemännchen?“ fragte er.

„Ja“, sagte Jonas etwas lauter, „deine Hose ist hinten gar nicht mehr da.“

Opa ließ sich sofort ins Becken zurückfallen.

Mit hochrotem Kopf sagte er: „Schnell, lauf zu Oma, sie soll dir das große Strandlaken geben!“

Jonas beeilte sich zwar, doch es dauerte eine Zeit, bis Oma sich aus dem Liegestuhl erhoben hatte um das Handtuch aus der Tasche zu fischen, da ihre ihr vor kurzer Zeit neu eingesetzte Hüfte noch Probleme bereitete

Wie ein Blitz sauste Opa aus dem Wasser und band sich das Strandlaken um die Hüften. „Schade, jetzt kann ich nicht mehr ins Wasser und muss im Restaurant den ganzen Nachmittag Hamburger essen und Cola trinken“,  sagte Opa, als sie zu Oma zurückkamen.

„Denkste, du Geizkragen, ab mit dir in die Erlebnisbadboutique und eine neue Hose gekauft, Jonas darf sie aussuchen“, entgegnete Oma.

Fast alles konnte man hier bekommen und in der Boutique wurden neueste Bademoden angeboten.

Jonas und Opa machten sich auf den Weg. Die Verkäuferin fragte nach Opas Größe. „XX-Obelix,“ antwortete Opa. „Wie bitte“, fragte die junge Dame nach. „Na, hoch mal breit und ziemlich groß“, erklärte Opa.

Das Anprobieren der Badehosen wurde durch Opa mal wieder zum großen Spaß. Mit Blümchen, bis zum Knie, sehr eng, Opa musste alles anprobieren, bis Jonas die richtige Hose für ihn fand. „Die passt zu dir“,  sagte Jonas.

Danach machten sie noch zwei weitere Stunden das Spaßbad unsicher bis Opa stöhnte: „Ich kann nicht mehr, mir rieselt bald der Knochenkalk aus der Hose, wenn wir nicht aufhören.“

Zum schönen Abschluss durfte Jonas, der eine Gemüse- und Salatfanatikerin als Mutter hatte und für den das deshalb etwas ganz besonderes war , noch einen Hamburger und eine große Portion Fritten mit Mayo verputzen. Da Oma und Opa sich ausnahmsweise auch einmal etwas gönnten machten sich die drei pappsatt auf den Heimweg.

Vom Toben war Jonas so müde, dass ihm nach einer halben Stunde Kinderkanal fast die Augen zufielen.

Zufrieden kuschelte sich Jonas im Gästezimmer unter das riesige Federbett, das fast so hoch wie lang und urgemütlich war.

Märchenopa las ihm noch eine Geschichte vor und betete mit Jonas, um Gott für den wunderschönen gemeinsam verbrachten Tag zu danken.

„Wer weiß, mein Putzemännchen, wie lange ich das noch mit dir tun kann“, sagte Opa, als er das Licht löschte und Jonas meinte in Opas Augen zwei kleine Tränen blinken gesehen zu haben.

Kaum war die Tür zu, war Jonas schon eingeschlafen.

Mitten in der Nacht erwachte er von einem Poltern auf dem Dachboden.

Dann war es wieder still. Gerade als Jonas wieder anfing einzuschlummern polterte es erneut. Danach hörte es sich an als würde ein Tier mit hohem Tempo auf dem Dachboden Runden drehen. Von einer Seite zur anderen.

Nun bekam Jonas es doch mit der Angst zu tun.

„Opa!“ rief er, „komm schnell.“

„Jonaswachschutz, schon zur Stelle!“ sagte Opa und salutierte an Jonas Bett, das heißt er grüßte, wie bei den Soldaten, mit der Hand an der Stirn.

„Was kann ich für dich tun, Putzemännchen“, fragte Opa.

Jonas erzählte Opa, warum er ihn gerufen hatte.

Da schlug sich Opa mit der flachen Hand vor die Stirn.

„O Jonas, das tut mir leid, ich hatte vergessen dich zu warnen. Wir bekommen fast jede Nacht Besuch aus dem Wald. Ein Marder kontrolliert sein Revier und unser Dachboden gehört dazu.

In den frühen Morgenstunden verschwindet der Poltergeist aber wieder, also keine Angst und Ohropax“, sagte Opa.

Dann verschwand er kurz und brachte Jonas zwei kleine Kügelchen aus Wachs mit einem lustigen flauschigen Fell überzogen. So diese Gehörgangswürmchen werden dir friedlichen Schlaf ermöglichen“,  erklärte Opa und drückte Jonas die Kügelchen in die Ohren.

Jonas hörte nur noch seinen eigenen beruhigenden Puls und schlief bald ein. Das nächste Mal erwachte Jonas, weil er das Gefühl hatte, als säße etwas Kitzliges auf seinem Gesicht. Er nahm die Gehörgangswürmchen aus den Ohren und lauschte aufmerksam in die Stille. Auf dem Dachboden war es mittlerweile ruhig. Doch da hörte Jonas ein leises Summen in der Nähe seines Kopfes.

„O nein, Mücken“, murmelte er und rief erneut nach Opa.

„Opa, Mückenalarm“, rief er, so laut er konnte.

Opa kam seufzend ins Gästezimmer geschlurft.

„Wenn dich böse Träume schrecken und dich Nachtgeräusche wecken,

kommt der Opa flugs gesaust, damit es Nachtgespenstern graust!“

dichtete Opa. Jonas wurde auf einmal klar, von wem sein Papa den Spaß am Reimen hatte.

„Opa“ sagte Jonas, „jetzt nerven mich die Mücken!“

„Kein Problem“, antwortete er, „ich war in meiner Jugend ein gefürchteter Mückenjäger. Rund um den Globus erschauerten alle Mückenarten beim Nennen meines Namens.“

Dann holte er seine Brille, machte das große Deckenlicht an und inspizierte die hellen Wände. Urplötzlich schlug er zu! Ein roter Flecken erschien an der Wand und an Opas Hand.

„Hab ich dich, du Quälgeist“, sagte er.

Dann schaute er erst auf den Flecken an der Wand, danach begutachtete er den in seiner Hand. „Kein Wunder, dass ich die gekriegt habe.

Das war eine Marathonmücke, die im Gegensatz zur Spurtmücke langsam aber stetig fliegt und die man deswegen besser erwischt“,

sagte Opa. Dann verließ er das Zimmer und Jonas konnte endlich tief und fest durchschlafen. Am Morgen holten Opa und Jonas noch gemeinsam Brötchen und Aufschnitt aus dem Supermarkt, während Oma den Frühstückstisch deckte. Manchmal sagte Oma liebevoll. „Opa ist mein großes Kind!“

Das stimmte und Jonas war froh darüber.

Wer hatte schon einen Opa, der ohne Rücksicht darauf, was die Leute von ihm dachten mit Jonas im Einkaufswagen durch die Gänge sauste.

Es war ihm egal, wenn die Nachbarn über ihn tuschelten, als er einmal zu Jonas Belustigung mit dem elektrischen Wackelhund von Jonas im Rondell Gassi ging.  Oma hatte Recht: Sie waren halt ein großes und ein kleines Kind, wenn sie zusammen waren.

Als Jonas am Abend wieder in seinem Bett lag, dankte er Gott, dass er so tolle Großeltern hatte und bat ihn, sie noch recht lange leben zu lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas und die Blümlein Gottes

 

 

 

Mama und Jonas saßen gemütlich am Frühstückstisch, als vor dem gegenüberliegenden Haus ein Kleinbus hielt und einmal kurz hupte.

Schon öffnete sich die Tür und Sarah kam heraus, winkte noch einmal ihrer Mutter zu, stieg in den Bus ein und weg war sie.

Schon oft hatte Jonas diese morgendliche Prozedur beobachtet.

Jonas wusste nur, dass die junge Frau Sarah hieß und sehr nett zu ihm war. Immer lächelte sie ihn an und winkte schon von weitem, wenn sie Jonas irgendwo begegnete. Irgendwie sah Sarah zwar fremd aus und als sie Jonas einmal ein freundliches „Guten Morgen“ entgegen rief, musste Jonas sich sehr konzentrieren um sie zu verstehen. 

Jonas fand Sarah toll. Da Erwachsene aber sehr selten kleine Jungs anlächeln oder ihnen gar schon von weitem zuwinken, fragte Jonas seine Mama, ob ihr aufgefallen sei, dass Sarah immer so nett war.

„Das hat einen bestimmten Grund“, sagte Mama, „ Sarah hat das Down-Syndrom, das heißt, sie kann nicht alles tun, was ein nicht eingeschränkter Mensch kann. Sie ist vielleicht auf Grund der Einschränkung etwas langsamer oder etwas ungeschickter, dafür hat sie aber viele Gaben, die das mehr als ausgleichen. Eine davon ist halt, dass sie zu jedem Lebewesen nett und freundlich ist. Das ist dir ja schon aufgefallen.“

„Was ist denn dann anders bei Sarah?“ fragte Jonas. „Eigentlich gar nicht so viel, Sarah ist ein Wunder, wie jeder Mensch, wie du und ich. Einmalig, unverwechselbar, von Gott geliebt. Ihre Mutter hat mir gesagt, dass sie viele Dinge nicht sofort oder überhaupt nicht versteht, viele Dinge aber besser als andere Menschen und zwar mit dem Herzen. Sie ist halt anders begabt als du oder ich…

Sie gibt aber immer ihr Bestes und was kann man mehr geben.

Es gibt aber auch Menschen, die Sarah anstarren oder sie grundlos bemitleiden oder sich gar über sie lustig machen“, erklärte Mama weiter.

„Aber das liegt daran, dass diese Menschen verunsichert sind, wenn sie auf etwas treffen, was anders ist als sie selbst. Einige sind durch Krankheiten oder Unfälle selbst irgendwann einmal eingeschränkt und sehen dann alles mit anderen Augen.

Ich persönlich finde es gerade spannend, anders zu sein als die Norm“,

sagte Jonas Mama. „Was heißt denn das?“ fragte Jonas nach.

„Zum Beispiel wird Sarah nie der Chef einer Firma werden können oder sonst etwas, was uns so genannten normalen Menschen wichtig ist und manchmal wenn ich sehe, wie sich Menschen wegen unnützen Dingen abhetzen oder das Leben schwer oder sogar gegenseitig zur Hölle machen, denke ich, wer ist denn hier eigentlich behindert?

Sarah hat alle Voraussetzungen ein normales Leben in ihren Grenzen zu führen. Wie fändest du es, Jonas, wenn man dich nicht beachtete, hinter deinem Rücken über dich tuschelte, sich im Bus nicht neben dich setzen würde, nicht zurücklächeln würde, wenn du jemand freundlich anlächeltest, dich einfach duzen würde, trotzdem du schon erwachsen wärest. Leider behandeln viele Leute Menschen wie Sarah so.

Dabei will sie nur ganz normal wie jeder behandelt werden.

Jonas schaute Mama mit großen Augen höchst interessiert an.

„Aber Sarah ist doch schon erwachsen, warum wohnt sie noch bei ihren Eltern?“

„Das tun doch auch viele andere junge Menschen, Jonas“,

erklärte Mama, „aber irgendwann wird Sarah in eine Wohnung ziehen, in dem sie mit nicht eingeschränkten Menschen lebt, die ihr bei dem helfen, was sie nicht kann. Dort wird sie so selbst bestimmt und selbstständig leben, wie es ihre Einschränkungen zulassen.

Wir können ja auch nur das, was uns liegt und das ist gar nicht so viel mehr als Sarah kann.

Freundlichkeit, Liebe, Lebensfreude, Aufeinander zu gehen,

das zeichnet besonders Menschen mit Down-Syndrom aus, deshalb hat sie einmal ein Arzt die „Blümlein Gottes“ genannt. Natürlich haben auch die Blümlein Gottes ab und zu Dornen, so wie du und ich, aber die Welt wäre besser und friedlicher, wenn alle Menschen so miteinander umgingen.  So jetzt muss ich aber einkaufen, sonst läuft mir die Zeit davon!“ sagte Jonas Mutter.

Als Mama weg war, schlürfte Jonas nachdenklich seinen Kakao und sann über das eben gehörte nach. Alles hatte er nicht so richtig verstanden. Er wollte seine Mama aber nicht aufhalten, da ihr ja die Zeit davonlief, doch eines hatte er gut verstanden und fand es toll ausgedrückt:

Blümlein Gottes! Ja, das passte, dachte Jonas, als er sich Sarah´s liebes Gesicht in Gedanken vorstellte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas erstes Spiel

 

 

 

Endlich war es soweit. Herr Wuttke hatte Jonas benachrichtigt, dass sein Pass, der Jonas berechtigte offiziell an Fußballspielen teil zu nehmen, von der Anmeldestelle zurückgekommen war. Ab sofort war Jonas ein echter Vereinsfußballer in der F-Jugend. Da in den Ferien keine Meisterschaftsspiele statt fanden, hatte Herr Wuttke am Samstag ein Trainingsspiel gegen das F-Jugendteam des Nachbardorfes vereinbart.

Herr Wuttke, der in den letzten Ferienwochen bereits wieder mit dem Trainingsbetrieb begann, verteilte nach dem Dienstagstraining an jede anwesende Spielerin und jeden anwesenden Spieler kleine Zettel auf denen der Treffpunkt und die Abfahrtszeit für das Spiel am Samstag stand. Die Tage bis dahin vergingen für Jonas zäh wie Teer und am Freitagabend hörte Jonas wieder einmal die Kirchturmuhr elf Mal schlagen, weil er vor lauter Aufregung nicht einschlafen konnte.

Dann war endlich Samstag. Am Frühstückstisch saß ein appetitloser Jonas, der vor Nervosität mehrmals zur Toilette musste.

„Was  ist denn nur mit dir los“, fragte Mama, die als Antifußballerin absolut keine Ahnung von der Nervosität eines kleinen Jungen hatte, der soeben seine verheißungsvolle Karriere zum Nationalspieler begann.

20 Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt befand sich Jonas bereits am Vereinsheim. 7 Jungen und 3 Mädchen waren für das heutige Spiel von Herrn Wuttke bestellt worden. Herr Wuttke fuhr den alten, klapprigen, aber noch verkehrssicheren Vereinsbulli, in den Jonas mit 6 anderen Kindern einstieg. Die anderen drei fuhren mit einem Vater eines Mitspielers in dessen PKW mit. Vor dem Spiel versuchte Herr Wuttke den Kindern zu erklären, wie er das gegnerische Team besiegen wollte, doch Jonas hörte vor lauter Aufregung gar nicht richtig zu.

„Also Kinder, macht euch warm, wie wir es im Training geübt haben und vergesst nicht unseren Kreis vor dem Spiel.“

Wie die Bundesligamannschaften bildete das Team von Jonas vor dem Spiel einen Kreis und feuerte sich mit einem Schlachtruf an.

Dann begann das Spiel. Beide Teams waren absolut gleich stark. Das drückte auch der Halbzeitstand von 0:0 aus.

Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit rückte Jonas erster Auftritt näher.

„Wärme dich noch einmal richtig auf, Jonas, gleich kommst du ins Spiel“, sagte Herr Wuttke zu Jonas. Dann war es soweit. Jonas sauste wie aufgedreht hin und her und  Herr Wuttke forderte ihn einige Male auf, seine Position beizubehalten. Mitte der zweiten Halbzeit hatte Jonas mit einem klugen Pass auf der rechten Seite den wieselflinken Ümit auf die Reise geschickt. Ümit dribbelte fast bis zur Grundlinie mit dem Ball und versuchte, statt den Ball nach innen zu dem frei stehenden Benjamin zu passen, aus spitzem Winkel ein Tor zu erzielen. Das misslang aber völlig.

„Ey, du schwarzfüßiger Asy“, brüllte Benjamin Ümit an, „warum spielst du Penner nicht ab?“

Daraufhin hatte Herr Wuttke Benjamin sofort ausgewechselt. Dieser saß schmollend die restliche Spielzeit auf der Ersatzbank, trotzdem er einer der Besten des Teams war. Fünf Minuten vor dem Ende des Spieles kam Jonas großer Auftritt. Wieder einmal hatte Ümit sich rechts durchgespielt, passte nach innen zu Jonas, der seinen Gegenspieler mit einer Finte austrickste und den Ball überlegt in die rechte Ecke des Tores schob. Das Glücksgefühl und das Kribbeln im Bauch, das Jonas spürte, fühlten sich an wie bei der Weihnachtsbescherung.

Doch lange hielt dieses Glück nicht. In der letzten Spielminute lief der gegnerische Mittelstürmer allein auf das Tor von Jonas Team zu und drosch mit Gewalt hinter den Ball. Das Metall schepperte und der Ball sprang zurück ins Spielfeld. Alles ging blitzschnell und die tief stehende Sonne war mit dafür ausschlaggebend, dass niemand bemerkt hatte, dass der Ball nicht von der Torlatte zurück ins Spielfeld gesprungen war, sondern vom Gestänge im Tor, über welches das Netz des Tores gespannt war. Niemand protestierte außer… Herr Wuttke!!

„Schiedsrichter“, rief er so laut er konnte, „das war ein Tor, der Ball war drin und ist vom inneren Torgestänge zurück ins Feld geprallt!“

Jonas und der Rest seines Teams konnten es nicht fassen. Ihr Trainer, ein Verräter! Der Schiedsrichter gab das Tor und pfiff das Spiel erst gar nicht mehr an. In der Kabine war die Hölle los. Wütend und empört saßen die Mädchen und Jungen mit roten Köpfen auf den Bänken.

Als Herr Wuttke kurz die Kabine betrat, konnte sich ein Junge nicht im Zaum halten und bezeichnete ihn als Verräter und schlechten Trainer.

Herr Wuttke bat um Ruhe: „Ich möchte, dass ihr viel Spaß am Fußball habt, dass ihr merkt, nur gemeinsam können wir etwas erreichen. Natürlich gewinne ich auch gerne mal ein Spiel, aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, merkt euch das für unsere Spiele und am besten für das ganze Leben, fair zu sein und gerecht miteinander umzugehen. Über einen Sieg, der durch Betrug errungen wurde kann ich mich nicht freuen und ich wünschte mir, dass es euch genauso erginge.

Ehrlich währt am längsten, ein altes aber sehr wahres Sprichwort! Das soll unser Motto sein. Wem das nicht passt, der darf gerne bei einem anderen Verein Fußball spielen. Jetzt duscht euch, zieht euch um und denkt in einer stillen Stunde noch einmal über meine Worte nach!“

Als Jonas abends seinen Eltern von seinem ersten Spiel Bericht erstattete und genau beschrieb wie das 1:1 zu Stande gekommen war, lobten sie Jonas in den höchsten Tönen.

Nur Herrn Wuttke lobten sie noch ein wenig mehr. Nachher sagte Papa an Jonas Bett: „Ich freue mich, dass du in einem Team spielst, welches von so einem tollen Sportsmann geleitet wird.“ Dann schlief Jonas erschöpft und glücklich ein und träumte in dieser Nacht von seinem ersten Länderspiel. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Am darauf folgenden Dienstag beim Training waren alle wieder dabei und mit großem Spaß bei der Sache. Zehn Minuten hatte sich Herr Wuttke mit Benjamin allein unterhalten, der daraufhin ein Gespräch mit Ümit führte. Nach dem Abschlussspiel bat Herr Wuttke alle Spielerinnen und Spieler in den Mittelkreis. Dann verteilte er die gelben Übungshemdchen, die zur Unterscheidung der Teams bei Übungsspielen dienten. Eigenartigerweise bekamen alle ein Hemdchen in die Hand gedrückt. „Bitte rollt die Hemdchen zusammen und bindet sie euch um die Augen, aber ohne einen Ton zu sagen, absolute Ruhe bitte!“ sagte Herr Wuttke. Jedes einzelne Mitglied des Teams wurde nun von ihm im Mittelkreis herumgeführt, bis es nicht mehr wusste, wo es war.

„Nun fassen wir uns alle an den Händen und bilden blind einen Kreis“, fuhr Herr Wuttke fort. Das war ein Gesuche und Gestolpere, doch nachdem Herr Wuttke ein wenig Hilfe geleistet hatte, bildete sich endlich der Kreis der Kinder, die sich an den Händen gefasst hielten.

„So, Melanie, wen hast du zur linken und zur rechten an der Hand?“ fragte Herr Wuttke dann.

„Weiß ich nicht, ich spüre nur je eine Hand“, antwortete Melanie.

„Wie ist es bei dir, Jonas?“

„Mir geht es genauso wie Melanie“, sagte Jonas.

„Was ist mit dir, Benjamin“,  bohrte Herr Wuttke weiter.

„Ich kann auch nur raten“, antwortete Benjamin.

„Okay“, sagte Herr Wuttke, „nehmt die Augenbinden ab.

"Ich wollte euch damit zeigen, dass alle Menschen auf dieser Welt gleich sind. Es gibt keine Inländer und Ausländer, sondern nur Menschen.

Wir, die wir nur das Glück haben, hier geboren zu sein, in einem reichen Land, haben nicht das Recht andere Menschen, egal in welcher Form zu beschimpfen oder uns für besser zu halten. Unsere Nahrung kommt mittlerweile aus der ganzen Welt, unsere Autos, unsere Kleidung. Alle gemeinsam müssen wir für eine gerechte Welt kämpfen, denn es gibt nur Menschen auf der Welt. Was Benjamin am Samstag zu Ümit gesagt hat, war dumm und er hat sich entschuldigt. Ümit hat die Entschuldigung angenommen, damit ist die Sache erledigt. Merkt euch: In unserem Team wird Fußball gespielt um miteinander friedlich Sport zu treiben und uns im Guten mit anderen zu messen. Auf dem Sportplatz ist kein Platz für Hass und Gewalt. Wir sehen uns zum nächsten Training am Donnerstag!“

Herr Wuttke hatte für einige Aufgaben beim Training  einen Plan aufgestellt. Gut geplant ist halb getan, sagte er immer. Mit dem Wegräumen der Trainingsmaterialien wie Hütchen, Bälle und so weiter waren nach diesem Training Benjamin und Jonas dran.

Jonas hatte sich das Netz mit den Bällen geschnappt und räumte nun einen nach dem anderen in den Ballschrank. Einer der Bälle war völlig luftlos. Jonas nahm ihn und ging damit zu Herrn Wuttke.

„Hier ist ein völlig schlapper Ball“, sagte er zu ihm.

„Ach ja, hat das gute alte Stück endlich ganz seinen Geist aufgegeben.

Das ist unser ältester Trainingsball. Der verlor seit geraumer Zeit schon immer sehr schnell die Luft. Nun scheint das Ventil ganz hin zu sein“, erwiderte Herr Wuttke. Dann betrachtete er nachdenklich den platten Lederball. Plötzlich sagte er. „Ich habe eine Idee, wie wir den Ball noch sinnvoll nutzen können“ und ging zu seinem Auto. Dann kam er mit einem Schweizer Taschenmesser und einer Kombizange zurück. Mit dem Messer schnitt er einen großen Schlitz in den Lederball, so dass er die Gummiblase mit der Kombizange zu fassen bekam. Dann zog er sie unter großer Mühe und vielem Stöhnen durch den Schlitz und schnitt sie ab.

„Jetzt wollen wir doch einmal beweisen“, sagte er, „ ob wir wirklich eine Mannschaft sind, die das, was wir in letzter Zeit erlebt haben, beherzigt und neben dem Fußball auch ein Herz für andere hat. Wir starten ab sofort die Aktion „Ein Ball für Pakistan“. In Pakistan hat es ein furchtbares Erdbeben gegeben und viele Menschen müssen trotz schlimmsten Wetters mit ihren Familien draußen im Freien übernachten.

Wir wollen eine Spendenaktion starten um Geld für diese Menschen zu sammeln und es Misereor zur Verfügung zu stellen. Du fängst an Jonas. Jeder Spieler bekommt den Ball einen Tag nach Hause und sammelt im Verwandten- und Bekanntenkreis soviel wie möglich. Nach diesem Tag bringt er den Ball zum nächsten Spieler oder der Spielerin und so weiter.

Da wir 12 Spieler und Spielerinnen haben, müsste der Ball nach meiner Rechnung am 13. Tag wieder bei mir landen. Zudem wette ich mit euch, dass ihr es nicht schafft 150 Euro zusammen zu bekommen.

Wenn doch, lege ich aus eigener Tasche 50 Euro dazu.“

Mit diesen Worten drückte er Jonas den Ball in die Hand, nachdem er ein 2 Euro Stück hineingeworfen hatte. „ Das ist das Startkapital“, sagte er, „Okay bis zum nächsten Training“.

Als Jonas mit dem Ball nach Hause kam, ließen sich Mama und Papa nicht lumpen und auch der Märchenopa, der Eingemachtes von der Oma brachte warf eine gehörige Portion Kleingeld in den Ball.

Am nächsten Tag brachte Jonas den Ball zum nächsten Mitspieler.

Der Ball kam nicht nach dreizehn Tagen wieder bei Herrn Wuttke an, da einige Kinder noch mit ihren Eltern in Urlaub waren. Aber um es vorweg zu nehmen, als Herr Wuttke nach vier Wochen mit dem Mannschaftskapitän das Geld zur Sparkasse brachte um es in der Zählmaschine zählen zu lassen, traute er seinen Ohren nicht als die nette Bankangestellte sagte: „In dem Ball waren 346,50 Euro.“

Herr Wuttke war völlig platt. Er stockte den Betrag auf 400 Euro auf und überwies das Geld an Misereor. Papa sagte immer: Gutes zieht Gutes an. Und so war es auch. Frau Sievers vom Eine- Welt- Laden deren Sohn bei Jonas im Team spielte, war von der tollen Aktion so begeistert, dass sie der F-Jugend spontan einen Ball aus fairem Handel als Dank überreichte. Abends wollte Jonas von seinem Papa wissen, was das heißt.

„Fairer Handel heißt, die Menschen, die den Ball herstellen werden so gerecht entlohnt, das auch sie ein menschenwürdiges Leben mit ihren Familien führen können. Das ist bei den großen Marken, die zum Beispiel die Bundesligamannschaften benutzen, nicht immer so“, erklärte Papa. Die Aktion „Ein Ball für Pakistan“ schlug so hohe Wellen, dass sogar eine große Zeitung einen Bericht mit einem Bild darüber brachte.

Die Überschrift lautete: Fußball, mehr als ein 1:0!

Als Papa ihn las sagte er: „Da sieht man mal wieder wie recht Erich Kästner hatte, der sagte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Auch Herr Wuttke war stolz auf sein Team und spendierte beim nächsten Training nach der Aktion Mohrenköpfe bis zum Abwinken!

„Das war bisher euer größter Sieg!“ lobte er die F-Jugend.  

Am Abend im Bett entdeckte Jonas bei seinem geliebten Kuschelhund Wuffel ein Schild: Made in Taiwan!

Es gab nur Wuffel, keine inländischen oder ausländischen und es gab nur eine Erde für alle.

Recht hatte Herr Wuttke!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas, der Friseur

 

 

 

Jonas Mama hatte ihre beste Freundin zum Frühstück eingeladen und Jonas gebeten sich um Laura, die Tochter ihrer Freundin, zu kümmern. „Damit wir mal in Ruhe klönen können, das machst du doch, mein herzallerliebster Jonas, oder?“ hatte Mama ihn gefragt.

Wie hätte Jonas da nein sagen können?   

Laura war genauso alt wie Jonas und demnächst gingen die beiden in eine Klasse. Nun hatte Jonas also den Salat oder besser gesagt, die Laura.

Was sollte er mit ihr spielen? Zu allem Unglück regnete es heute in Strömen. Das reduzierte die Möglichkeiten noch mehr.

„Was wollen wir machen?“ fragte Jonas Laura.

„Hast du Puppen?“ fragte Laura zurück.

„Nein“, log Jonas und wurde etwas rot im Gesicht, denn das war eine glatte Lüge. Erstens besaß Jonas eine eigene Puppe und zweitens waren auch Samanthas zwei Puppen nach und nach, als sie älter wurde, in Jonas Besitz übergegangen. Als sein Freund Tim sich jedoch über einen Jungen lustig machte, den er mit Puppen spielen sah, beschloss Jonas, die Kiste mit dem Puppentrio gar nicht mehr auszupacken und sich ab sofort als zu alt zu betrachten, um noch mit Puppen zu spielen.

Jonas ging nicht näher auf das Thema ein und lenkte Laura mit der Frage ab, ob sie nicht Friseur spielen sollten.

„Oh ja, eine gute Idee“, antwortete sie.

Jonas sauste los und holte aus dem Bad Schere, Kamm und Papa´s Akkuhaarschneidegerät. „Soll ich der Friseur sein oder möchtest lieber du?“ erkundigte er sich bei Laura. „Erst du, dann ich“, erwiderte sie.

Jonas band sich die alte Schürze von Oma um, die er sonst immer trug, wenn er mit Wasserfarben malte oder knetete oder beim Kochen half.

Dann machte er eine wichtige Miene und sagte: „Die nächste bitte.“

„Guten Tag“, sagte Laura, „ich hätte gerne meine Haare ein wenig gekürzt, Trockenschnitt!“

„Sehr wohl, die Dame“, antwortete Jonas. Das hatte er letztens aus einem „Sissi“ -Film aufgeschnappt, als Mama den zum dreißigsten Male schaute.

Laura nahm auf dem Stuhl Platz, den Jonas ihr zurechtgerückt hatte. Sie hatte mittellanges, blondes Haar, welches Jonas nun bürstete, bis es anfing zu glänzen. „Soll ich hinten die Haare an den Spitzen ein ganz klein wenig in echt abschneiden?“ fragte Jonas.

„Ja, das macht bestimmt mehr Spaß, aber nur ganz, ganz wenig, versprochen?“ sagte Laura.

„Versprochen!“ erwiderte Jonas. 

Jonas überlegte, ob er die Schere nehmen sollte oder lieber den Akkuschneider, aber wie das meistens bei Jungen so ist: Sie lieben das Brummen von Motoren. Also den Akkuschneider angeworfen und frisch ans Werk. Langsam näherte Jonas sich auf der rechten hinteren Kopfseite Lauras Haaren. Ssssst, hatte die Maschine gnadenlos zugeschlagen und eine ordentliche Portion Haare weg geschnitten. Leider waren die Haare von Laura jetzt hinten rechts weitaus kürzer als links.

„Und“, fragte Laura, „sieht´s gut aus?“

„Toll“, antwortete Jonas, „ich muss jetzt nur noch ein kleines bischen gerade schneiden!“

Dieses Mal peilte er die linke Kopfhälfte von Laura an.

Sssst, machte die Haarschneidemaschine und ein weiteres Büschel Haare landete auf dem Fußboden. Leider war nun die linke Hälfte der Haare an Lauras Hinterkopf kürzer als die rechte. Eifrig versuchte Jonas mit mehreren neuen Haarschneideversuchen eine einheitliche Länge hin zu bekommen. Das erschütternde Ergebnis war, das Laura bis zum Wirbel, der sich ziemlich hoch auf ihrem Hinterkopf befand, fast keine Haare mehr hatte. Nun ahnte Jonas, was ein Schock bewirken kann. Den bekam er als ihm bewusst wurde, was er angerichtet hatte. Ihm wurde heiß und kalt und er war plötzlich kreidebleich.

Jetzt war guter Rat teuer. Natürlich fragte Laura ausgerechnet in diesem Moment: „Hast du einen Handspiegel, den du hinter mich halten kannst, damit ich im großen Spiegel den neuen Haarschnitt sehen kann?“

„Nein“, antwortete Jonas, „ich habe sowieso keine Lust mehr  Friseur zu spielen. Komm, ich zeige dir mein Zwergkaninchen.“

„Au, ja“, antwortete Laura zu Jonas Erleichterung.

„Ist aber ziemlich kühl und regnerisch heute. Wir setzen mal lieber Kappen auf, damit wir uns nicht erkälten“, sagte Jonas „und übrigens schenke ich dir die Kappe, die ist von Schalke 04 und Papa und Opa haben bei meinem  letzten Geburtstag die gleiche Idee gehabt und mir beide eine Schalke-Kappe geschenkt, was soll ich aber mit zwei Stück!“

Laura freute sich sehr und setzte die Kappe sofort stolz auf ihren geschorenen Kopf. Auch Jonas setzte sein Käppi auf.

„Schau nur, unsere Zwillinge“, sagte Mama kichernd als Jonas und Laura die Küche durchquerten. Fast eine Stunde spielten Jonas und Laura mit Nissel, dem zahmen Zwergkaninchen, dann wollte Lauras Mama aufbrechen…

Als sie los wollten sagte sie: „Laura, du musst Jonas noch die Schalke-Kappe zurückgeben!“

„Ich habe zwei und die habe ich Laura geschenkt, die darf sie behalten“, wandte Jonas ein. „Na“, sagte Lauras Mutter, „du bist ja jetzt schon ein richtig kleiner Gentleman und wirst später bstimmt mal die Herzen der Mädchen brechen.“ Dabei kniff sie Jonas liebevoll in die Wange mit dem Grübchen. Wohl kaum, dachte Jonas und seufzte innerlich als er sich vorstellte, was los sein würde, wenn Laura zu Hause die Kappe absetzte.

Laura und ihre Mama verabschiedeten sich herzlich und waren verschwunden. „Mama, „ sagte Jonas kleinlaut, „ich muss dir was erzählen.“

„Oh bitte, Jonas, ich habe völlig die Zeit aus den Augen verloren und muss noch soviel erledigen, hat das nicht Zeit bis später?“ fragte Mama.

„Okay“, antwortete Jonas und verzog sich auf sein Zimmer um mit sich selbst Quartett zu spielen. Dann klingelte unten das Telefon.

Jonas hörte Mama immer wieder ungläubig nachfragen und sich entschuldigen. Dann rief sie zornig nach Jonas.

Bleibt nur noch zu sagen, dass Jonas mal wieder eine Woche auf „Wissen macht Ah“ verzichten musste und seine Eltern Laura einen schicken Kurzhaarschnitt beim teuersten Friseur der Stadt bezahlten. Die Hälfte von Lauras Friseurbesuch musste Jonas von seinem Taschengeld dazulegen!

 

 

 

 

 

 

 

Jonas in Gefahr

 

 

 

 

Nachdem Jonas nun sein erstes echtes Fußballspiel bestritten hatte, übte er jeden Tag mit noch mehr Begeisterung  in Mamas Garten die verschiedensten Fußballtechniken. Ball hochhalten, Kopfbälle, Schüsse und um Eimer und Steine dribbeln, mit denen Jonas einen Slalomparcours aufgebaut hatte.

Doch dem setzte Mamas Riesenagave mit den Furcht erregenden Stacheln ein plötzliches Ende, als sie Jonas mittlerweile ziemlich abgenutzten Lederball, nach einem misslungenen Schussversuch, aufspießte. Ein Knall, ein Zischen und Jonas war Fußballwaise.

Mama, deren Agave nicht die erste Pflanze war, die von Jonas missratenen Schussversuchen in Mitleidenschaft gezogen wurde, war erst ein wenig schadenfroh, denn meistens hatten ihre Pflanzen den Kürzeren gezogen. Doch das Herz einer Mama schlägt nun mal im liebevollen Takt für ihre Kinder. „Dann musst du halt mit dem alten Gummiball trainieren und bekommst vielleicht zu Weihnachten einen neuen Lederball!“ tröstete sie Jonas. Als Jonas am Abend seinem Papa von dem Missgeschick erzählte, versprach dieser Jonas, den sofortigen Kauf eines neuen Balles noch einmal mit Mama zu besprechen.

„Was soll der Junge denn im Winter mit einem Ball, wenn er auf Grund der Witterung sowieso nicht draußen trainieren kann. Ein Gummiball eignet sich auch nicht um damit ernsthaft das Fußballspielen zu erlernen. Ich meine, Jonas sollte bereits jetzt einen neuen Lederball bekommen und nicht erst im Winter“, versuchte Papa abends Jonas Mama zu überreden. „Okay“, sagte Jonas Mama nach kurzem Zögern, „ doch ich werde  diesen Lederball als Vorabweihnachtsgeschenk im Gedächtnis behalten. Dementsprechend wird Jonas ein Geschenk weniger bekommen.“

Mit diesem Kompromiss konnten alle zufrieden sein, außer Mamas Pflanzen. Am nächsten Nachmittag, nachdem Jonas Vater von der Arbeit heimgekommen war, was Jonas schon ungeduldig erwartete, fuhren sie gemeinsam in ein Sportgeschäft der kleinen Stadt in der Nachbarschaft des Dorfes. Dort kauften sie einen wunderschönen königsblauen Lederball, der für alle Witterungen geeignet war. Jonas war in diesen Ball so vernarrt, dass er anfangs sogar das Bett mit ihm und Wuffel teilen durfte.

Doch nicht sehr lange. „Dieser dreckige Ballgefährte ist ab sofort in deinem Bett unerwünscht!“ hatte Mama nach einigen Tagen gesagt, da der Ball nun schon durch Jonas tägliches Training die ersten dreckigen Spuren trug und den Glanz seiner Wartezeit im Sportgeschäft nach und nach verlor. Jonas hatte Mama gebeten die Agave an einen anderen Ort im Garten zu stellen um seinen neuen Ball nicht zu gefährden.

Doch da weckte er den Widerstand in Mama: „Nein mein Freund, kommt nicht in Frage. Nicht weit von hier ist der Bolzplatz, der ist zum Fußballspielen da und nicht mein Garten. Der vor kurzem verstorbene Ball sollte dir eine Lehre sein. Ich habe da halt meine Prinzipien!“

Ende der Diskussion, dachte Jonas!

So kam es, dass Jonas sein Training überwiegend auf den Bolzplatz verlegte. An manchen Tagen fand er jemand zum Mitspielen, oft aber war Jonas allein, da noch Ferienzeit herrschte und viele Kinder mit ihren Eltern in Urlaub gefahren waren.

Eines Nachmittags, als Jonas wieder einmal Dribblings mit Torschuss übte, lungerten auf der Bank am Rand des Bolzplatzes die beiden Jugendlichen herum, deren Gespräch über das böse Einkaufswagenspiel Jonas damals belauscht hatte und beinahe auf diese Art und Weise zum Betrüger geworden wäre. Die beiden saßen gelangweilt da, rauchten und tranken Bier aus einem mitgebrachten Kasten.

Ab und an riefen sie einen abfälligen Kommentar zu Jonas Fußballkünsten herüber. Nach einiger Zeit, in der Jonas die beiden einfach nicht mehr beachtet hatte, wurden die Kommentare immer lauter und bösartiger. Jonas reagierte nicht darauf.

Gerade als er beschloss den Heimweg anzutreten, da ihm die Lage doch zu bedrohlich wurde, standen die beiden Jungen auf und begaben sich in seine Richtung. Jonas bemerkte, dass einer der beiden stark schwankte.

Dieser rief mit lallender Stimme: „Ey du Knirps, schieb mal die Pille zu mir, wir spielen jetzt mal mit! Aber hurtig!“

„Nein“, sagte Jonas mutig, „ ich wollte sowieso gerade nach Hause und möchte nicht mit euch spielen!“

„Da fragt dich gar keiner nach, ob du Lust hast, du Zwerg. Die Kugel rüber, sonst holen wir sie uns und das könnte sehr ungemütlich für dich werden!“ sagte da der andere Typ. Jonas bekam es mit der Angst zu Tun, denn die beiden waren bis auf wenige Meter an ihn heran gekommen und so kickte er den beiden lieber den Ball zu.

„Geht doch“, sagte der Lallende. Übermütig tobten die zwei Angetrunkenen nun mit Jonas Ball auf dem Bolzplatz herum, bis Jonas sie bat, ihm den Ball zurück zu geben, da er nun nach Hause wolle.

„Superball, ey“, sagte der Größere der beiden, „ der ist jetzt unser, kannst dir `nen neuen kaufen. Also, verpiss dich, kleine Ratte!“

Jonas wurde wütend: „Her mit meinem Ball, sonst lernt ihr meine Eltern kennen“, schrie er die beiden an. „Dann hol ihn dir doch, du kleine Wanze“, erwiderte der größere der Bösewichte.

Das ließ Jonas sich nicht zweimal sagen. Er preschte los.

Die Jungen warfen sich den Ball so zu, dass Jonas auf Grund seiner Größe nicht die Chance hatte, ihn zu ergattern. Jonas Glück aber war die Betrunkenheit eines der beiden Rowdies, der ins Stolpern kam, hinstürzte, den Ball nicht mehr festhalten konnte und ihn rollen ließ… direkt vor Jonas Füße! Jonas ergriff den Ball, drehte sich um und sauste, so schnell er konnte, davon. „Jetzt gibt´s Haue!“ schrie einer der beiden Fieslinge und dann nahmen die zwei die Verfolgung von Jonas auf.

Jonas hatte auf Grund seiner Angst für einen Moment völlig die Orientierung verloren. Er trommelte förmlich mit seinen kurzen Beinen über den Bolzplatz. Doch der Abstand zwischen ihm und den beiden Bösewichten wurde immer geringer, da sie einen Schritt machten wo Jonas drei brauchte. Gehetzt blickte Jonas umher, ob er jemanden fand, den er um Hilfe bitten konnte.

Da bog er auf den Fußweg, der zwischen Kirche und Schule auf den Dorfplatz führte, an dem viele Geschäfte lagen, davon eines ein ganz besonderes. Blitzartig fiel ihm die rettende Idee ein.

Als Mama, Papa und Jonas an ihrem ersten Sonntag am neuen Wohnort einen Spaziergang machten, hatten sie im Schaufenster jenes besonderen Ladens ein großes, weithin sichtbares Schild mit der Aufschrift: „Kindernotinsel“ entdeckt. Papa schaute abends im Internet nach, was es damit wohl auf sich haben könnte. Dabei hatte er herausgefunden, dass sich Kinder, die sich in Gefahr befanden, in dieses Geschäft flüchten konnten und dort Schutz und Hilfe erhielten. Eine Kinderschutzorganisation, die sich Hänsel und Gretel nannte, wollte diese Schutzinseln für Kinder überall einführen, um sie vor Bedrohungen von Gefahren durch böse Mitmenschen zu schützen „Tolle Idee“, hatte Papa gesagt, nicht ahnend wie schnell sie seinem Jonas zur Rettung werden würde. Genau bis zu diesem Bäckergeschäft konnte Jonas seinen Vorsprung gegenüber den beiden Jugendlichen retten.

Er riss die Tür auf, so dass die Türglocke fast aus der Verankerung flog.

Das letzte, was er von den zwei Verfolgern hörte war: „Los, Jan, lass uns abhauen, die kleine Kröte kriegen wir nicht mehr!“

Da kam auch schon der Ladeninhaber aus dem hinteren Geschäftsbereich, da die Türglocke nicht zu überhören gewesen war.

Jonas rief. „Bitte helfen sie mir, zwei große Jungs sind hinter mir her.“

Sofort hatte der Bäckermeister die Situation erkannt und stellte sich schützend vor Jonas. Durch das Schaufenster konnte man gerade noch sehen, dass die beiden Jungen um die Ecke verschwanden und nun ihrerseits Richtung Bolzplatz davon liefen. Jonas plumpste vor Erleichterung ein riesiger Stein vom Herzen und nun, als die Aufregung vorbei war, fing er an zu weinen und zu schluchzen. Daher dauerte es eine Weile, bis der Bäcker und eine Verkäuferin die ganze Geschichte aus ihm heraus bekamen.

„Die beiden Pappenheimer kenne ich, „sagte der Bäcker daraufhin, „denen werden wir nun mal mit der Polizei das Handwerk legen.“

Nachdem Jonas der netten Verkäuferin die Telefonnummer seiner Eltern mitgeteilt hatte und der Bäcker ihn mit einem Nougatring versorgte, dauerte es nicht lange bis seine Mama vor der Tür stand.

Gemeinsam mit dem Bäcker beschlossen sie die Polizei hinzuzuziehen und den beiden einmal gehörig den Kopf zu waschen

Am Abend erzählte Jonas seinem Papa die ganze Geschichte und die Angst kam noch einmal in ihm hoch. Papa nahm ihn in die Arme und sagte, dass er auch noch ein ernstes Wort mit den Eltern der Jugendlichen reden würde, damit die beiden Jungen es in Zukunft unterließen jüngere Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen.

Am Abend als Jonas im Bett war und Mama und Papa noch einmal gemeinsam zum Gute Nacht sagen kamen, redeten sie darüber, dass es viel Schlechtes auf der Welt gab aber auch viel Gutes und Hilfreiches, wie zum Beispiel die Kindernotinsel. Dann sagten sie zu Jonas, wie stolz sie auf ihn waren, dass er eine so schwierige Situation so vorbildlich gemeistert hatte. Am nächsten Tag verschwand die Agave aus dem Garten hinter dem Haus in den Vorgarten. Jonas durfte ab sofort wieder im Garten trainieren. „Was sind schon die paar abgeschossenen Blumenköpfe gegen meinen Jonas“, hatte Mama am Morgen zu Jonas gesagt und eine kleine Träne im Auge gehabt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas und sein größter Fall

 

 

 

Nichts spielten Tim und Jonas lieber als Detektiv.

 

Jonas hatte von seinem Flunkeropa einen alten schwarzen Aktenkoffer geschenkt bekommen, der mit einem Zahlenschloss gesichert werden konnte. In diesem Koffer befand sich alles, was zwei kleine Detektive für ihre Arbeit benötigten. Erst vor kurzem spürten die beiden durch unauffällige Überwachung den Besitzer eines kleinen Hundes auf, der die Angewohnheit besaß, immer wieder eine „Granate“, wie Mama das nannte, was beim Hund hinten heraus kam, in ihren Garten zu legen. Papa behauptete, das hieße Stoffwechselendprodukt. Da gefiel Jonas die Granate besser, denn dieses Wort konnte er sich leichter merken.

Als Jonas und Tim herausgefunden hatten, wer der Besitzer des unhöflichen Hundes war, rief Mama den Herren an und bat ihn, entweder den Hund nicht frei herum laufen zu lassen oder regelmäßig die Ergebnisse seines großen Geschäftes aus Mamas Garten abzuholen.

Seitdem war Ruhe! Tim und Jonas bekamen ihr erstes großes Detektivgehalt in Form eines Eisbechers von Mama spendiert.

Einen Namen  hatte die Detektei natürlich auch.“ Timjon“, wie sollte es anders sein. An diesem Ferienmorgen waren die beiden Spürnasen unterwegs, und hielten die Augen nach neuen gefährlichen Aufträgen auf. In einem Gebüsch sitzend, welches sie hervorragend tarnte, notierten sie bereits seit einer halben Stunde die Nummernschilder verdächtiger Autos, die durch die Straße fuhren. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt daraufhin, was für ein aufregender Tag vor Tim und Jonas lag.

Doch dann geschah etwas so Unglaubliches, dass den beiden im Gebüsch der Atem stockte. Es begann ganz harmlos. Der alte Herr Gentz, der drei Häuser entfernt von Jonas Haus wohnte und immer sehr nett zu ihm war, kam mit seinem Rollator aus der Haustür.

Ein Rollator ist ein Gestell mit Rädern, auf dem sich schwache, gehbehinderte Menschen  beim Gehen stützen können, damit sie mobil bleiben. Herrn Gentz Rollator war in Höhe der Griffe mit einem Korb zum Einkaufen ausgerüstet. Jetzt rollte Herr Gentz sehr langsam am Gebüsch vorbei in dem die Firma Timjon saß. Ausgerechnet in diesem Moment klingelte das Handy von Herrn Gentz. Da er sehr alt war und nicht mehr gut sah, dauerte es einige Zeit, bis er das Handy aus dem Korb gefischt hatte. Das Handy klingelte ungeduldig weiter. Jonas und Tim spitzten neugierig die Ohren. „Gentz“, meldete sich der alte Herr und hörte dann ungefähr eine Minute still zu.

„Okay, ja leider, morgen um 15.00 Uhr muss er dann wohl sterben. Okay ich bin dann da!“

Nach diesen Worten legte Herr Gentz das Handy in den Einkaufskorb zurück. Jonas und Tim trauten sich kaum noch zu atmen.

Das würde der bisher gefährlichste und geheimnisvollste Fall der Detektei Timjon werden, das war klar!

Als Herr Gentz davon sprach, dass um 15.00 Uhr am nächsten Tag jemand sterben sollte, setzte Jonas Herz einmal vor Schreck aus, um dann so laut zu hämmern, dass er befürchtete Herr Gentz würde sie entdecken. Dieser hatte sich langsam mit seinem Rollator weiterbewegt.

Als er außer Hörweite war beratschlagten Tim und Jonas, ob es nicht besser sei, die Polizei zu benachrichtigen. Sie einigten sich darauf erst einmal eigene Nachforschungen anzustellen, um der Polizei die Arbeit zu erleichtern. Zudem hatten sie noch Zeit bis morgen um 15.00 Uhr.

Je mehr Informationen die beiden liefern würden, umso einfacher wäre es für die Polizei Herrn Gentz festzunehmen. So unauffällig wie möglich machten sich Tim und Jonas an die Verfolgung von Herrn Gentz.

Ab sofort notierte Jonas alles in das große Notizbuch, welches er von Märchenopa geschenkt bekommen hatte.

Damit er aber nicht ganz soviel schreiben musste (weil ja auch Ferien waren) nannte er Herrn Gentz in seinem Buch ab sofort nur noch G.

9.30 Uhr, G. rollt in den Supermarkt!

9.46 Uhr: G. kauft eine Vollmilch, drei Scheiben Bierschinken, eine Tafel Schokolade und zwei Brötchen.

9.55 Uhr. G. bezahlt.

10.03 Uhr: G. macht sich auf den Heimweg.

10.35 Uhr: G. geht in sein Haus und schließt die Tür.

Dann passierte lange nichts mehr und Tim und Jonas wurde langweilig bei der Beobachtung des Hauses von Herrn Gentz.

Sie beschlossen sich dabei abzuwechseln. Um 12.00 Uhr ging Jonas zum Mittagessen nach Hause. Dort erzählte er Mama, dass sie den bisher größten Fall für ihr Detektivbüro an Land gezogen hatten. Mehr verriet er seiner schmunzelnden Mama nicht. Wenn du wüsstest, dachte Jonas!

Um 13.00 Uhr löste er Tim bei der Beobachtung des Hauses ab.

Natürlich wäre es viel zu verdächtig gewesen und ein schlechtes Verhalten für zwei Superdetektive auf das Haus starrend herumzustehen. Deshalb verhielten sich die beiden, wie es zwei Jungen in ihrem Alter tun. Sie spielten Federball, warfen sich einen Gummiball zu, fuhren Fahrrad, doch immer mit einem Auge das Haus des Verdächtigen beobachtend. Den ganzen Nachmittag trat Herr Gentz nur zweimal kurz vor die Tür, einmal um in den Garten zu gehen und einmal um Müll in die Tonne zu bringen, sonst verhielt er sich völlig unverdächtig.

Wer hätte aber auch gedacht, dass dieser unscheinbare ältere Mann höchstwahrscheinlich ein gefährlicher Mörder war.     

Vielleicht war seine Altersschwäche nur geschickte Tarnung und in Wirklichkeit war er ein durchtrainierter Bösewicht.

Es war schon sehr auffällig, dass Herr G. heute nicht einmal mit seinem kleinen Grauhaardackel einen Spaziergang machte.

Wahrscheinlich nahm das Vorbereiten der Tat soviel Zeit in Anspruch, dass der Dackel auf den Spaziergang verzichten musste. Auch seine angebliche Tochter besuchte ihn heute nicht.

Aber das wussten Tim und Jonas ja sowieso aus ihrer Lieblingsdetektivsendung „Achtung, streng geheim„ die auf dem Kinderkanal lief, dass die Tochter in Wirklichkeit nur die junge Geliebte des Schurken war. Sie konnten beide ihr Glück nicht fassen in einen solchen spannenden Fall verwickelt zu sein.

Doch dann baute sich schon das nächste Problem vor ihnen auf.

Wie sollten sie Herrn Gentz in der Nacht überwachen?

Tim hatte eine gute Idee. Sie fragten ihre Eltern, ob sie im Garten von Jonas Mama übernachten durften. Diese harmlose Bitte bekamen sie erfüllt. Jonas Papa baute blitzschnell das Zelt auf und die beiden Jungen richteten es sich gemütlich ein. Als sie gegen Mitternacht zwischen zwei Wachablösungen beim Beobachten von Herrn Gentz Haus gemeinsam im Zelt eine Kekspause machten, fielen beiden vor Müdigkeit die Augen zu. Sie erwachten als die ersten Vögelchen mit lautem Lied die Morgensonne begrüßten. Doch schnell trösteten sie sich mit dem Gedanken nichts verpasst zu haben, da auch ein Mörder mal schlafen muss. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Jonas Mama, wobei die zwei Detektive immer mal wieder zu Herrn Gentz Haus hinüber sahen, begaben sie sich zwecks Lagebesprechung in ihr Beobachtungsgebüsch.

Nun mussten die beiden sehr müden Detektive entscheiden, ob sie die Polizei einweihen sollten, denn es blieben noch fünf Stunden bis zur Tat.

Jonas wusste seit dem Vorfall mit den beiden Jugendlichen auf dem Bolzplatz, dass zwischen 10.00 Uhr 18.00 Uhr der kleine Außenposten der Polizei im Dorf besetzt war. Nun wurde es doch langsam ernst.

So machten sie sich auf den Weg zu Herrn Müller, dem Dienst habenden Polizisten an diesem Tag. Herr Müller war ein sehr netter Polizist, der Kinder mochte und sie ernst nahm. Ihm schilderten sie, was sie seit gestern ermittelt hatten. „Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Ich kenne Herrn Gentz seit vielen Jahren und er ist nie irgendwie schlecht aufgefallen“, sagte Herr Müller, „doch um das Rätsel zu lösen, werde ich um 14.30 Uhr mal bei eurem Beobachtungsgebüsch vorbeikommen. Wir sehen uns dann dort!“ Jonas und Tim waren heilfroh die Verantwortung nun mit einem Erwachsenen teilen zu dürfen. Zudem hatte Herr Müller die zwei für ihre tolle Arbeit bisher gelobt.

Pünktlich um 14.30 Uhr kam Herr Müller die Straße entlang geschlendert, als würde er nur einen kleinen Kontrollgang durchs Dorf machen. Kurz zuvor war die junge Geliebte von Herrn Gentz, die sich als Tochter ausgab, mit ihrem Auto vor dem Haus aufgetaucht.

Herr Müller, Tim und Jonas taten so, als ob sie in ein Gespräch vertieft seien, als sich um 14.45 Uhr die Haustür öffnete und hintereinander die angebliche Tochter und Herr Gentz aus dem Haus kamen.

Die junge Frau trug einen Korb in dem Herrn Gentz Rauhaardackel lag.

Tim, Jonas und Herr Müller gingen unauffällig in ihre Richtung.

Herr Müller sagte: „Na, Herr Gentz, wollen sie das schöne Wetter nutzen um einen kleinen Ausflug mit ihrem Hund und ihrer Tochter zu machen?“

„Ja, aber aus einem sehr traurigen Anlass“, antwortete der alte Mann.

„Mein geliebter Nepomuk“, dabei streichelte er dem Dackel liebevoll über den kleinen Kopf und seine Augen wurden feucht, wie Jonas beobachtete, „hat im ganzen Körper Tumore und kann nur noch unter großen Schmerzen leben. Es gibt keine Rettung und langsam helfen auch die Schmerzmittel nicht mehr.

Also haben wir uns schweren Herzens entschlossen ihn von seinen Qualen zu erlösen und um 15.00 Uhr in der Tierklinik einschläfern zu lassen. Ich kann sein Leiden nicht mehr mit ansehen.“

Die Tochter  von Herrn Gentz nickte zustimmend mit dem Kopf und drängte dann zur Eile. Herr Müller sagte noch ein paar tröstende Worte.

Als das Auto der Tochter von Herrn G. um die Ecke verschwand drehte sich der Polizist zu Tim und Jonas.

„So, nun zu euch beiden, ich möchte mich sehr für eure Hilfe bedanken. Richtige Detektive müssen lieber einmal zu viel Verdacht schöpfen als einmal zu wenig. Das habt ihr sehr gut gemacht. Meine höchste Anerkennung. Tim und Jonas, die sich erst sehr geschämt hatten, einen alten Mann als Mörder zu verdächtigen, waren heilfroh, dass der Polizist das völlig anders sah und freuten sich.

Ein paar Tage später fand Jonas Mama sogar beim  Staub wischen auf dem Schreibtisch von Jonas ein Blatt auf dem stand:

Diese Urkunde wird an Jonas für hervorragende Dienste als Hilfspolizist verliehen. Erst dachte sie, das Tim und Jonas diese Urkunde am Computer selbst erstellt hätten, doch als sie den Polizeistempel sah und die Unterschrift von Herrn Müller wurde sie stutzig.

Doch dieses Mal half auch hartnäckigstes Nachbohren bei Jonas nicht.

„Ein Detektiv hat Schweigepflicht“, sagte er zu Mama, „ich habe da meine Prinzipien!“

Da war Mama das erste Mal seit langer Zeit einmal sprachlos!!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles Käse bei Jonas

 

 

 

So unglaublich es erscheinen mag, aber Jonas war eines der seltenen Kinder, welches Käse jeder Art für ihr Leben gern mochten.

Ganz besonders hatte es ihm ein recht stark riechender Käse in Rollenform angetan.

Samantha hingegen verließ fluchtartig das Esszimmer, wenn dieser Käse den Frühstückstisch zierte. „Wie könnt ihr nur all´ dieses schimmelige, modernde, stinkige Zeug essen?“ fragte sie mit angeekelt verzogenem Gesicht, bevor sie das Weite suchte.

Nun ist es ja meistens so, dass die Eltern darauf bestehen, Beilagen, wie eben jenen Käse, auf das Brot zu legen. Die Kinder würden aber am liebsten etwas, was sie gerne mögen, nur ohne Brot verspeisen. Das war bei Jonas nicht anders. Als er sich an diesem Nachmittag zwischendurch ein leckeres Käsebrot mit dem Käse der stinkigen Art gemacht hatte, war nur noch ein kleiner Rest in der Packung, den es nicht lohnte aufzuheben.

Diesen Rest nahm Jonas mit auf sein Zimmer und legte ihn hinter seine Sport- T-Shirts, um ihn am Abend als kleines Betthupferl vor dem Zähne putzen zu verspeisen. Doch meistens kommt es anders als man denkt…  Jonas zog sich Sportsachen an, da er um 16.00 Uhr zum Inline-Hockey mit einigen Kindern der Straße im Rondell verabredet war.

Für jede sportliche Betätigung die wild war und bei der es um Sieg oder Niederlage, ging war Jonas immer zu haben.

Da klingelte es bereits an der Tür und Tim kam um ihn abzuholen.

Flugs waren zwei gemischte Teams aus Mädchen und Jungen gebildet.

Dann begann ein wildes Raufen und Rempeln, da einige Kinder das Inliner fahren noch nicht so gut beherrschten.

Jonas, der bereits seit längerem auf den Rollen fuhr, führte gerade mit seinem Schläger den Ball in Richtung gegnerisches Tor als ein Gegenspieler des anderen Teams, der noch sehr wackelig auf den acht Rollen stand, ins Straucheln geriet und ihm seitwärts beide Beine unter dem Körper wegriss. Dabei fiel Jonas mit der Oberlippe so unglücklich auf den Stiel seines eigenen Hockeyschlägers, dass die Oberlippe gespalten wurde. Seinen Aufprall mit dem Kopf auf den Asphalt dämpfte der Fahrradhelm, den Jonas auf Weisung seiner hellseherisch veranlagten Mutter immer aufsetzen musste. Eigenartigerweise bemerkte Jonas anfangs gar nichts von der stark blutenden Oberlippe. Nur das Gefühl, dass etwas warmes sein Kinn herab lief, deutete darauf hin, dass etwas passiert sein musste. Geschockt standen die anderen Kinder um Jonas herum, bis Tim losrannte und schnellstens die Eltern von Jonas benachrichtigte. Jonas Papa kam im Sauseschritt, nahm Jonas auf den Arm und trug ihn ins Haus. Zwischenzeitlich hatte Mama bereits beim Hausarzt der Familie angerufen, dessen Praxis aber bereits geschlossen war und dessen Anrufbeantworter für Notfälle auf die Ambulanz des Krankenhauses in einer Kleinstadt in der Nähe des Dorfes verwies.

Mama drückte Jonas einen Eisbeutel in die Hand, den er auf die Oberlippe presste. Dann fuhr er mit Papa zum Krankenhaus.

Die Wunde blutete schon etwas weniger, doch die Oberlippe war

so stark angeschwollen, dass Jonas das Gefühl hatte, eine dicke Banane unter der Nase zu haben. Im Krankenhaus meldeten sich die beiden in der chirurgischen Ambulanz, in der zwei weitere Unfallopfer saßen.

Ein Mädchen, dessen Knöchel verbunden war und eine ältere Dame, die sich ihr rechtes Handgelenk mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt.

Beiden wurden nun von einer netten Arzthelferin aufgefordert sich mit einem Zettel zur Röntgenabteilung zu begeben.

So kam es, dass Jonas sofort ins Behandlungszimmer des Arztes geführt wurde. Der stellte sich vor, schaute sich die Wunde an und meinte dann: „Das ist nicht so schlimm, das kriegen wir wieder hin. Es muss aber mit ein paar Stichen genäht werden.“

Dann wandte er sich an Jonas Papa: „Ist Jonas gegen Tetanus geimpft?“ fragte er ihn. Das bejahte Papa und schon begann der Arzt eine Spritze aufzuziehen. „Ich betäube nun den Bereich um die Wunde und dann wirst du überhaupt nichts vom Zusammennähen der Oberlippe merken“, erklärte er Jonas. Vorsichtig setzte er die Spritze rund um den Wundenbereich und Jonas merkte nach kurzer Zeit, wie die Lippe sich anfühlte als gehörte sie nicht mehr zu seinem Gesicht.

Nach wenigen Minuten war der Arzt mit dem Nähen fertig.

Währenddessen erzählte er Jonas, dass es früher zum guten Ton unter jungen Männern gehört hatte, das Gesicht mit Narben zu verzieren und dass sich einige sogar selbst Narben beibrachten, da dass unter den jungen Mädchen den Eindruck erwecken sollte, es mit einem besonders wilden männlichen Typen zu tun zu haben.

Um Jonas ein wenig aufzuheitern sagte er plötzlich:

„Oh je, jetzt habe ich vor lauter Erzählen versehentlich die Zunge mit an der Oberlippe festgenäht!“

Jonas entsetztes Gesicht veranlasste ihn aber schnell hinzuzufügen: „War nur ein Scherz!“

Jonas Papa jedoch klinkte sich schnell ein und sagte: „Machen sie das ruhig, dann hält er mal einen Tag seinen ewig plappernden Mund.“

Das aber tat Jonas sowieso die nächsten Tage auch ohne das Festnähen der Zunge, denn nachdem die Betäubung der Oberlippe nachließ, hatte Jonas doch arge Schmerzen, die ihn für einige Tage beim Essen oder Reden begleiteten.

„Da hast du noch einmal großes Glück gehabt, Jonas, du hättest dir auch Zähne ausschlagen können oder gar kleine Knochenstücke aus dem Kiefer, dann wärest du nicht mit so einer einfachen Behandlung davon gekommen,  sagte der Arzt bevor er ins nächste Behandlungszimmer ging, „also alles Gute und vorsichtiger beim Inline-Hockey, Tschüss!“

An der Anmeldung musste Papa nun noch die Daten der Krankenversicherung angeben. Danach machten sich zwei erschöpfte

und müde Männer auf den Heimweg.

Bereits eine Woche später zog Jonas Hausarzt die Fäden.

„Tolle Naht und wenn man später noch etwas sehen sollte, dann lässt du dir als Erwachsener einfach einen Schnäuzer wachsen“, sagte er, als er die Fäden zog. Drei Tage nach dem Unfall geschah aber noch etwas, was wir hier nicht vergessen wollen zu erzählen. Am Abend nach dem Unglück hatte Jonas nur noch etwas Flüssiges zu sich genommen, da er Schmerzen hatte und auch zu müde war etwas Festes zu essen. So kam es, dass der kleine, stinkende Typ mit Namen Käse, der hinter Jonas Sportsachen im Kleiderschrank saß, vergessen wurde.

Fröhlich dünstete er zwei Tage vor sich hin.

Am ersten morgen als Mama die Schlafzimmertür von Jonas öffnete um ihn zu wecken sagte sie: „Jonas, hast du irgendwo noch ein paar schmutzige Socken liegen. Es riecht sehr stark nach ungewaschenen Füßen, wenn man dein Zimmer betritt.“ Das verneinte Jonas.

Am zweiten Tag nach dem Unglück schickte Mama Papa abends auf den Dachboden über Jonas Zimmer, damit er nachsah, ob nicht etwa ein kleines Tier auf dem Dachboden verweste. Aber vergebens.

Am dritten Tag wollte Mama die frisch gebügelte Wäsche in Jonas Kleiderschrank einsortieren.

Als sie die Kleiderschranktür öffnete, wäre sie beinahe bewusstlos geworden.

Der stinkige kleine Käse hatte sich im ganzen Kleiderschrank mit seinem Geruch ausgebreitet und auch Jonas gesamte dort lagernde Kleidung mit seinem Aroma beglückt.

Als Mama Jonas nach oben rief und sie mit zugekniffener Nase vor dem Kleiderschrank stehen sah, roch er selbst die Bescherung und glühendheiß fiel ihm der kleine Käsefreund ein, dem er  vor Tagen Quartier im Kleiderschrank gegeben hatte.

Nicht nur der Käse, auch Mama war darüber äußerst stinkig.

Sie musste die gesamte Wäsche im Schrank waschen.

Jonas lernte aus genau diesem Grund das Bügeln, denn das, hatte Mama gesagt, ist die Mindeststrafe für die Sauerei.

Nachdem Jonas unter Anweisung seiner Mama auf diesem Weg das Bügeln erlernt hatte, dachte er abends im Bett:

Heute war wirklich alles Käse gewesen und musste dann über dieses Wortspiel schmunzeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jonas fährt ICE

 

 

 

Jonas war schon den ganzen Tag sehr schlecht gelaunt.

Fast alle Kinder aus der Straße, mit denen Jonas spielte, waren in Urlaub gefahren. Selbst Tim war mit seinen Eltern eine Woche an die Nordsee.

Die Teams auf dem Bolzplatz wurden immer kleiner.

Nur ich, dachte Jonas, muss mir die Zeit alleine zu Hause vertreiben.

„Ich verstehe dich ja, Jonas,“ sagte Mama, „es ist nicht schön, wenn alle Freunde weggefahren sind und man fast das einzige Kind in der Straße ist, doch wir haben noch soviel zu tun bis zum Ende der Ferien, Papa bekommt im Moment noch keinen Urlaub und zu teuer wäre eine Reise sowieso in diesem Jahr für uns.“

Beim Abendessen muffelte Jonas immer noch herum, bis Papa eine Idee hatte. „Warum schicken wir Jonas nicht für zwei Tage zu Anke und Jörg nach Berlin. Die beschweren sich doch immer, dass sie ihren Enkel so selten sehen.“

Anke und Jörg waren Mamas Eltern und Jonas liebte sie genauso wie Märchenopa und Kuchenoma. Trotzdem sie völlig verschieden waren, verstanden sich die Eltern von Mama und Papa gut, wenn sie mal zusammentrafen. Anke und Jörg hatten eine Eigentumswohnung mitten in Berlin und legten größten Wert darauf noch nicht zum alten Eisen zu gehören. Anke ging regelmäßig ins Fitnessstudio und Jörg ließ sich zu seinem sechzigsten Geburtstag einen „Brilli“ ins Ohr machen.

Weil sie also nicht gerne alt erscheinen wollten, sollte Jonas nicht Oma und Opa zu ihnen sagen, sondern Anke und Jörg.

Sie waren so völlig anders. Doch auch das fand Jonas Klasse und hätte es wunderbar gefunden, sie einmal wieder zu besuchen.

„Wie soll das bitte gehen?“ fragte da aber schon seine sehr praktisch veranlagte Mama, „ich habe keine Zeit ihn nach Berlin zu fahren und du wohl noch weniger, also setz dem Jungen nicht erst solche Flausen ins Ohr“, fuhr sie fort.

„Es geht doch und zwar mit der Bahn“, antwortete Papa.

„ Ein Siebenjähriger, alleine mit der Bahn nach Berlin, spinnst du“, entgegnete Mama entrüstet.

Zaghaft warf Jonas ein: „Fast acht.“

Doch Mama reagierte überhaupt nicht.

„Von Fulda fahren Züge nach Berlin durch und vielleicht bietet die Bahn  begleitetes Reisen an. Ich werde mich zusammen mit Jonas mal im Reisezentrum Fulda kundig machen“, ließ sich Papa nicht von dem Gedanken abbringen. Als Papa am nächsten Tag Feierabend hatte, schritten Jonas und er zur Tat.

„Bingo“, rief er Jonas Mama zu, als sie zurückkamen.

„Die Bahn und die Bahnhofsmission bieten „Kids on Tour“ an.

Da werden allein reisende Kinder gegen eine Gebühr von 25 Euro pro Richtung von einer pädagogisch geschulten  Fachkraft der Bahnhofsmission begleitet und sicher ans Ziel gebracht. Der Preis für die Fahrkarte kommt noch dazu. Wenn wir allerdings schnell früh genug buchen wird das um bis zu fünfzig Prozent billiger. Jonas könnte freitags hin und sonntags zurückfahren, nur an diesen Tagen wird „Kids on Tour“ jeweils in einem bestimmten Zug angeboten. Wenn deine Eltern Zeit haben, wäre das doch ideal“, redete sich Papa in Rage.

„Nun mal langsam, erst einmal muss ich abklären wann meine Eltern Zeit haben und ob wir das finanzieren können“,

sagte Mama. Doch nach einem Blick in Jonas erwartungsvollen Augen wurde auch sie weich. Abends telefonierte sie lange mit ihrer Mutter. Jörg und Anke fanden die Idee blendend, wie sie sagten.

So kam es, dass Jonas in Kurzurlaub fuhr.

Am nächsten Tag buchten sie die Reise im Reisezentrum der Bahn sogar noch so rechtzeitig, dass sie ein Sonderangebot bekamen.

Jonas war glücklich und aufgeregt bei der Aussicht auf seine erste Zugfahrt im ICE und dann noch alleine.

Die Zeit bis zum Freitag wollte nicht vergehen.

Bereits zwei Tage vorher bepackte er seinen kleinen Rucksack mit allem Wichtigen für die Reise. Nur Wuffel sein unentbehrliches Kuscheltier durfte noch nicht in den Rucksack, da er noch als Einschlafgehilfe gebraucht wurde. Am Freitagnachmittag brachten Papa und Mama ihn nach Fulda zum Bahnhof. Direkt am Zug der um 14.08 Uhr abfahren sollte wurden Jonas und noch vier andere Kinder von einer jungen netten Dame der Bahnhofsmission in Empfang genommen.

Die am Bahnsteig stehenden Eltern schienen noch aufgeregter zu sein als die Kinder.

Als Jonas hinter der sich leise schließenden Tür des ICE verschwand, sah er noch, dass Mama eine Träne die Wange hinunterlief.

Da hätte Jonas beinahe auch geweint…aber nur beinahe, denn er war ja schon fast ein Jugendlicher. Jonas staunte, wie schnell die Fahrt verging. Die junge Begleiterin der Kinder ließ keine Langeweile aufkommen.

Spielen, basteln, lesen, alles was Kindern Spaß macht wurde angeboten.

Pünktlich auf die Minute um 17.18 Uhr rollte der ICE in Berlin HBF ein.

Am vereinbarten Treffpunkt übergab die Begleiterin der Bahnhofsmission die Kinder an die Abholenden.

Riesengroß war die Wiedersehensfreude bei Anke, Jörg und Jonas als sie sich endlich in die Arme schlossen. Noch auf dem Bahnsteig rief Anke Jonas Eltern an um ihnen mitzuteilen, dass er gut angekommen sei.  

Bei Jörg und Anke wurde Jonas nach allen Regeln der Kunst verwöhnt und stand die ganze Zeit im Mittelpunkt. Jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Es hätte so schön sein können, wenn nicht…

Als Jonas abends todmüde im Gästezimmer ins Bett krabbelte und seinen Rucksack öffnete um Wuffel herauszuholen, brach die schöne Welt für ihn zusammen. Sein über alles geliebter Wuffel war verschwunden.

Jonas war sich absolut sicher, ihn eingepackt zu haben. Das bestätigte auch Jonas Mama, als sie von Anke in höchster Not angerufen wurde.

Dann fiel Jonas ein, dass er sich im Zug, als ihm zu warm wurde, das Sweatshirt ausgezogen und in seinen Rucksack gepackt hatte. Dabei war der Rucksack einmal umgekippt. Sollte Wuffel da vielleicht herausgerollt sein. Jetzt war guter Rat teuer. Aber Opa Jörg war nichts zu teuer für seinen geliebten Enkel.

„Probleme sind dafür da um gelöst zu werden“, sagte er und das machte er auch. Am Samstagmorgen, noch vor dem großen Stadtbummel in Berlin, hatte Jörg telefonisch bei der Bahn alle Hebel in Bewegung gesetzt, um nach Wuffel zu fahnden.

Jörg hatte sich allerdings gewundert, warum der nette Herr nach dem Namen des Kuscheltieres fragte…

Der folgende Tag mit Jörg und Anke war wunderschön, nur getrübt durch die Ungewissheit nach Wuffels Verbleib.

Sie gingen gemeinsam in ein Marionettentheater…

doch Jonas Gedanken waren nur bei Wuffel.

Sie besuchten das größte Kaufhaus in Berlin, das KDW…

doch Jonas Gedanken waren nur bei Wuffel.

Opa wollte ihm ein neues Kuscheltier kaufen…

doch Jonas Gedanken waren nur bei Wuffel

Es half einfach nichts, Jonas war untröstlich und konnte den von Anke und Jörg wunderbar geplanten Tag kaum genießen.

Als sie abends nach der Rückkehr von ihrer Stadttour die Wohnung betreten wollten, fing sie der Nachbar ab und überreichte ihnen ein Paket, das von einem Mitarbeiter der Bahn abgegeben worden war.

Jonas konnte gar nicht abwarten es zu öffnen.

Ein Freudenschrei entfuhr ihm, als Wuffel ihn aus dem Karton heraus anschaute. Quer über Wuffels Beine lag ein Brief, er hatte eine kleine rote Bahnmütze auf und eine grüne Abfahrtskelle zum Spielen lag mit im Karton. Anke nahm den Brief und las vor:

Hallo Jonas, was für ein aufregender Tag.

Nachdem du mich verloren hattest, fuhr ich mit dem ICE bis zur Endstation. Dort fand mich das Reinigungspersonal unter dem Sitz

und gab mich beim zentralen Fundbüro der Bahn ab, wo schon nach mir gesucht wurde. Mit dem nächsten ICE bin ich wieder zurück nach Berlin HBF gefahren.  Dort durfte ich dem Aufsichtsbeamten den ganzen Tag bei der Arbeit helfen. Als er Feierabend hatte, machte er mit seinem Motorroller noch einen kleinen Umweg und brachte mich hierhin.

Da bin ich also wieder.

 

Dein Wuffel.

 

Für den Abend hatten Jörg und Anke ein Raclette-Essen mit Jonas geplant, weil sie wussten, wie sehr er das liebte. Mit Wuffel an seiner Seite wurde der Abend nun noch doppelt so schön…

Am Sonntag hatte Jonas seine Anke und seinen Jörg den ganzen Vormittag für sich. Sie spielten gemeinsam ein Gesellschaftsspiel und Jonas kam endlich dazu einmal alles zu erzählen, was er bisher an seinem neuen Wohnort in der kurzen Zeit erlebt hatte. Nach dem leckeren Mittagessen brachten Anke und Jörg Jonas zum Bahnhof. Dann hieß es Abschied nehmen und als Jonas wieder in Fulda ankam, berichtete er begeistert von den Berliner Erlebnissen.

Am meisten aber freute er sich, Wuffel wieder bekommen zu haben.

„Siehst du“, sagte Papa abends „es muss nicht immer Mallorca sein!“

„Stimmt“, sagte Jonas und gab ihm einen dicken Kuss, „Danke.“

Dann lasen sie gemeinsam in Jonas Kinderbibel das Gleichnis vom verlorenen Schaf, welches Jesus erzählt hatte und Jonas konnte dieses Gleichnis besonders gut verstehen!

 

 

 

 

 

Jonas und der Tod

 

 

 

In der letzten Ferienwoche erlebte Jonas zwei Mal etwas,  dem jeder Mensch im Leben einmal begegnet und was ihn einmal sehr traurig und einmal sehr glücklich machte. Doch der Reihe nach.

Eigentlich hatte Jonas geliebtes Zwergkaninchen Nissel den Umzug im Transportstall (ein alter Kanarienvogelkäfig vom Dachboden) gut überstanden.

Der handwerklich sehr begabte Märchenopa brachte schon nach kurzer Zeit einen Luxusauslauf für Nissel vorbei, der es Nissel nicht nur ermöglichte sich nach Herzenslust auszutoben sondern der auch noch  mit einem Drahtgeflecht überdacht war. So stellten Katzen, Hunde oder Raubvögel keine Gefahr für Nissel dar.

Samantha hatte Nissel bekommen als sie sieben war. Als sie älter wurde und andere Sachen interessanter fand, war Jonas der neue Pflegevater von Nissel geworden.

Das machte er so gut, dass Papa ihn letztens bei Mama  in den höchsten Tönen lobte: „Also unser Jonas ist ein sehr verantwortungsvoller Tierpfleger“, sagte er, „mich wundert, das er mit sieben seine Aufgabe schon so gewissenhaft erfüllt!“

Jonas, der gerade als Papa das sagte über den Flur ging war sehr stolz auf dieses Lob. Beim Reinigen des Stalles oder beim Schneiden der Krallen benötigte er zwar meistens die Hilfe von Papa und Mama, aber sonst hütete er Nissel wie seinen Augapfel. An Nissels mutmaßlichem Geburtstag, an Weihnachten oder Ostern, selbst wenn Jonas Geburtstag hatte, bekam Nissel sogar jedes Mal die teuren Joghurtdrops für Kleintiere aus der Drogerie von Jonas Taschengeld spendiert. Diese verputze Nissel mit großem Vergnügen.

Nissel war ein total zahmes Zwergkaninchen und Jonas spielte manchmal stundenlang alle Mögliche mit ihm. Geduldig ließ das kleine Langohr dieses mit sich geschehen. Dazu muss man aber anmerken, dass Jonas Nissel nie weh tat sondern vorsichtig wie mit einem rohen Ei mit ihm umging. Die beiden liebten sich innig. Ab und an hatte Papa mal gesagt, dass Nissel eigentlich schon ein sehr alter Zwerghase sei und dass Tierleben meistens sehr viel kürzer waren als Menschenleben. Doch davon, dass Nissel irgendwann nicht mehr da sein sollte, wollte Jonas nichts hören.

Es war für ihn unvorstellbar, das die kleine Schnuppernase eines Tages nicht mehr neugierig und erwartungsvoll am Gitter erscheinen sollte, wenn Jonas um die Ecke bog.

Als Jonas an diesem morgen zum Stall kam um Nissel zu füttern, hörte er gar nicht das hektische, freudig erregte Rascheln, welches Nissel im Stroh erzeugte, wenn sich jemand dem Stall näherte. Es war ganz still.

Jonas öffnete die Stalltür und sah Nissel leblos in einer Strohhöhle liegen, als habe er sich nur zum Schlafen hingelegt. Der Brustkorb von Nissel bewegte sich nicht und Jonas spürte, dass Nissel tot war.

Geschockt und ungläubig schauend stand er eine Minute da und tat nichts. Dann rief er entsetzt mit lauter Stimme seine Mama, wobei die Tränen ihm plötzlich aus den Augen schossen.

Mama, die schon an der Stimme von Jonas gehört hatte, dass etwas Furchtbares passiert sein musste, kam angerannt und erkannte sofort die Situation. Sie drückte Jonas an sich und streichelte ihm über den Kopf.

Selbst in den schlimmsten Situationen bekommen Kinder den ersten Trost am warmen Bauch einer liebenden Mama. Nach und nach wurde Jonas Weinen ruhiger und ging in ein leises Schluchzen über.

Gerade jetzt erschien auch noch Tim am Gartentor, der am Vortag mit seinen Eltern aus dem Urlaub zurückgekommen war.

Mama rief ihm kurz zu was passiert war und wie es gute Freunde tun, streichelte er Jonas über den Rücken und sagte: „Wenn du mich brauchst bin ich für dich da, dann melde dich einfach bei mir“, und ging wieder.

Mama und Jonas gingen rein und riefen Papa auf der Arbeitsstelle an um ihm die traurige Nachricht mitzuteilen. Papa wollte am Abend Nissel zusammen mit Jonas beerdigen. Den ganzen Tag verzog sich Jonas auf sein Zimmer, wollte nichts essen und war untröstlich. In seinem Fotoalbum, welches Mama ihm geschenkt hatte, betrachtete er immer wieder die vielen Schnappschüsse, die ihn zusammen mit Nissel zeigten.

Selbst Sam, die sich nachmittags von einer Freundin aus telefonisch meldete, bei der sie nach den drei Wochen Zeltlager noch eine Woche Urlaub am alten Wohnort verbrachte, hatte nach der traurigen Nachricht eine weinerliche Stimme gehabt, sagte Mama zu Jonas.

Abends kam Papa nach Hause und nahm Jonas in den Arm. Da musste Jonas wieder fürchterlich weinen. „Überleg´ dir schon einmal, wo wir  Nissel beerdigen sollen“, sagte Papa und holte einen Schuhkarton aus dem Keller den er mit warmen Füllmaterial aus einem anderen Karton auslegte. Währenddessen überlegte Jonas hin und her. Dann sagte er: „Unter der Sonnenblume beerdigen wir Nissel, denn Nissel liebte es in der Sonne zu liegen.“ Papa, der Nissel mittlerweile in den Karton gebettet hatte, grub nun mit einer kleinen Schaufel ein Loch vor der Sonnenblume. Bevor Jonas Papa den Karton zumachte streichelte Jonas noch einmal über sein Fell und seinen kalten Körper. „Tschüss, mein Nissel,“ sagte er mit Tränen in den Augen. Dann legten sie den Karton in das Loch und bedeckten ihn mit Erde. Auch Mama war dazu gekommen und legte tröstend einen Arm um Jonas Schulter.

„Nichts bleibt auf dieser Erde für immer, auch wir gehen einmal, mein Junge“, sagte Papa. „Schau, Nissel hat ein wunderschönes Leben bei uns gehabt und das erfüllt, für das Gott ihn bestimmt hatte. Nissel hat dich Verantwortung gelehrt und dir gezeigt was Vertrauen und Liebe ist.

Jetzt ist er alt und erschöpft für immer eingeschlafen. Du kannst sicher sein, dass eine kleine glückliche Zwergkaninchenseele im Himmelskaninchenstall ankommen wird. Der Tod gehört mit zum Leben und viele Menschen fürchten sich davor. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Wenn man mit einer Hand dem Tod die Tür zuhält hat man nur noch eine Hand übrig zum Leben und das wäre doch schade.“

Am Bett redeten Papa und Jonas darüber, ob Jonas ein neues Kaninchen erhalten solle.

 „Denk erst einmal ein paar Tage darüber nach, denn Liebe an jemand zu verschenken, bedeutet auch irgendwann Leid in Kauf zu nehmen, wie du jetzt weißt“, sagte Papa. Danach dachte Jonas noch ein bischen an die vielen schönen Stunden mit Nissel und weinte ein wenig. Irgendwann schlief er ein. Am nächsten Tag ging das Leben für Jonas zwar weiter, doch anders und ein wenig ernster als zuvor.

Einige Wochen später trat Nissel 2 in Jonas Leben, doch das ist eine andere Geschichte…             

 

Vorlesen und Nachdruck für alle die Kinder lieben ausdrücklich ohne weitere Anfrage erlaubt.                 Hans - Georg Wigge